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bbz 10 / 2017»Wir haben keine Angst«

Der Journalist Deniz Yücel ist weiter in türkischer Haft.

01.10.2017 - Thomas Adamczak

Seit Ende Februar wird der Journalist Deniz Yücel im Hochsicherungsgefängnis Silivri festgehalten. Den Antrag der Anwälte auf Freilassung lehnte ein Gericht in Istanbul mit der Begründung ab, Yücels Berichterstattung, seine Ausdrucksweise und der Tenor der Artikel seien nicht durch die Pressefreiheit gedeckt.

Yücel wurde 1973 in Flörsheim am Main geboren, machte sein Abitur an der Gustav-Heinemann-Schule in Rüsselsheim und studierte in Berlin Publizistik. Er war von 2002 bis 2007 Redakteur der Wochenzeitung Jungle World, danach bis 2015 bei der taz. Seit März 2015 ist er Türkei-Korrespondent der Welt. Er verfasste Artikel über die Situation im Irak und Syrien, über die Kämpfe um Mosul und Kobane und führte Interviews mit kurdischen Politiker*innen.

Er war und ist auch in Deutschland ein umstrittener Journalist. Seine Kolumne »Super, Deutschland schafft sich ab« in der taz und seine Kritik an Joachim Gauck lösten heftige Reaktionen aus. Seine schar-fe Attacke gegen Thilo Sarrazin brachte ihm eine Rüge des Deutschen Presserats ein. Sein Kommentar zur Papstwahl 2013 provozierte mit der Überschrift »Junta-Kumpel löst Hitlerjungen ab«. Im Kursbuch 188 beschäftigt sich Yücel ausführlich mit dem Aufstieg Erdogans, an dem Kanzlerin Merkel eine gewisse Mitverantwortung trage.

Als Lehrer an der Oberstufe, an der Yücel sein Abitur absolvierte, verfolge ich seine journalistische Entwicklung mit besonderem Interesse. Als er es in einem Artikel mit seiner Lust zu provozieren aus meiner Sicht (mal wieder) übertrieb, schrieb ich der taz einen Leserbrief. Yücel antwortete mir persönlich. Danach ergab sich ein reger Mailkontakt. Yücel rechtfertigte sich für die von mir monierte Passage. Er wolle, schrieb er, mittels »despektierlicher Sprache die größtmögliche Distanz« zu gesellschaftlichen Institutionen, mit denen er sich auseinandersetze, herstellen, und schrieb weiter:
»Ich denke, dass Form und Inhalt eines Textes miteinander korrelieren sollten. Mich langweilt dieser Sprachstil, der hierzulande in den Kommentarspalten gepflegt wird. (…) Ich denke, man kann keinen originellen oder geistreichen Gedanken in einer Sprache formulieren, über die sich der Mehltau gelegt hat. Natürlich folgt daraus nicht zwingend eine derbe Ausdrucksweise. Aber sie kann daraus folgen, finde ich jedenfalls.«

Es geht um Respekt und Toleranz

Im November 2013 lud mich Yücel zu einer Aufführung von Hate Poetry in Frankfurt am Main ein. Hate Poetry ist eine »antirassistische Leseshow«, bei der im Stile des Poetry Slam rassistische Leser*innenbriefe gelesen werden. »Selten war Rassismus so unterhaltsam«, urteilte die Welt, die taz sprach von einer »kathartischen Lesung«. Die Besucher*innen wurden mit unfassbaren verbalen Hass-ausbrüchen konfrontiert, die Yücel und anderen Journalist*innen migrantischer Herkunft in Leser*innenbriefen entgegenschlagen. Sie lachen bei Hate Poetry gegen die Hassausbrüche in den Briefen an, womit sie dem Publikum demonstrieren, dass Humor eine angemessene Reaktion auf Hass sein kann.

Die Inhaftierung Yücels in der Türkei sollte auch vor diesem Hintergrund massiver fremdenfeindlicher Ressentiments in Teilen der deutschen Öffentlichkeit gesehen werden. Der folgende Satz aus dem Mailkontakt verweist auf das journalistische Selbstverständnis Yücels, der 2011 mit dem Tucholsky-Preis ausgezeichnet wurde: »Das wichtigste aber ist, dass es mir in der Sache (…) um das geht, worum es Ihnen offenbar ebenfalls geht: um Respekt und Toleranz. Oder genauer: um Respekt und Toleranz innerhalb gewisser Grenzen und unter Wahrung gewisser Voraussetzungen.«

Wer sein journalistisches Wirken verfolgt und ihn bei Lesungen erlebt hat, wird zustimmen, dass Yücel dem von ihm formulierten journalistischen Anspruch sehr wohl zu entsprechen versucht. Er hat keine Angst, »etwas zu sagen, was sonst niemand sagt«, bemüht sich um Wahrhaftigkeit, vermeidet dabei aber eine Sprache, »über die sich der Mehltau gelegt hat«. Tucholsky hätte an ihm seine Freude gehabt.

Polizei und Justiz werfen Yücel »Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung« vor. Präsident Erdogan persönlich bezeichnete ihn als »Terroristen« und »deutschen Agenten« und schloss eine Freilassung oder Auslieferung nach Deutschland aus. Diese Vorverurteilung spricht unserem Rechtsverständnis Hohn. Die Untersuchungshaft kann unter den Bedingungen des Ausnahmezustands auf unbestimmte Zeit verlängert werden, ein Prozessbeginn ist nicht absehbar.

Die türkische Exekutive will ein Exempel statuieren

Am 3. Mai 2017 übermittelte Yücel anlässlich eines Solidaritätskonzerts in Berlin über seine Anwälte folgende Botschaft: »Gut, dass ihr da seid: Den Wert eines Konzerts im Atatürk-Kulturzentrum oder am Brandenburger Tor, den Wert von Raki und Fisch in einer heruntergekommenen Taverne am Goldenen Horn, die kühle Einsamkeit des Pontosgebirges, die dunklen Gassen der Altstadt von Diyarbakır, diese Werte wissen sie nicht zu schätzen. Das Einzige, was sie zu schätzen wissen, ist der Preis dieser Grundstücke. Sie haben über 150 Journalisten und Tausende andere mit absonderlichen Vorwürfen belegt und verhaftet. Aber sie haben uns eigentlich nicht verhaftet. Sie haben uns als Geiseln genommen. Ihr Ziel war, über uns die Gesellschaft einzuschüchtern. Doch in den letzten Wochen haben wir gesehen: Es ist ihnen nicht gelungen. Wir haben keine Angst. Und hunderttausende Menschen in diesem Land haben ebenfalls keine. Ich grüße und umarme euch.« Diese Botschaft aus einer Einzelzelle des türkischen Gefängnisses verdeutlicht den Mut des Journalisten Yücel und seinen kritischen Blick auf Wirkungszusammenhänge, den er sich auch in der Haft bewahrt.

Wer sein Buch »Taksim ist überall« über die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei gelesen hat, begreift, warum die türkische Exekutive an Yücel ein Exempel statuieren will. Die Gezi-Bewegung, an der nach Polizeiangaben im November 2013 3,6 Millionen Menschen beteiligt waren, charakterisiert Yücel als »solidarisch, friedlich, pluralistisch, mutig, frei«. Es habe ein spezielles Gezi-Gefühl gegeben, das er als weiblich, humorvoll, jung, politisch, freundlich, romantisch und als ein Resultat der Politik des Präsidenten beschreibt, der die Bewegung zu kriminalisieren versuchte. Yücels Fazit: Die Menschen hätten ihr Ziel zwar nicht erreicht, »aber sie haben gezeigt, dass sie es können. Das war erst der Anfang.«

Im Resümee der 25 Jahre journalistischer Tätigkeit, die ihn von der Main-Spitze zu renommierten Zeitungen der Republik führten, fallen ihm einige wenige Texte ein, von denen er wünscht, er hätte sie geschrieben, »und es gibt einige Texte und Formulierungen, die ich besser nicht geschrieben hätte«. Es bleibt zu hoffen, dass Yücel bald wieder frei entscheiden kann, welche journalistischen (und privaten) Texte er schreiben will. Gewiss hat er viel zu berichten!


Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitung der GEW Hessen. Wir danken für die Erlaubnis zum Zweitabdruck.


»TAKSIM IST ÜBERALL«
In seinem Buch »Taksim ist überall« beschreibt Yücel Ursprünge und Bedeutung der Taksimbewegung. Der Gezi-Park und der Taksim-Platz im Herzen der Stadt Istanbul haben, historisch bedingt, eine symbolische Bedeutung. Auf dem Taksim-Platz soll eine Moschee errichtet werden, der Gezi-Park musste dem Bau eines Einkaufszentrums weichen. Yücel sieht in dem Protest gegen die Umgestaltung von Platz und Park eine basisdemokratische Bewegung gegen einen autoritären Staat, der nach dem Willen seines Präsidenten bis zum Jubiläumsjahr 2023 unter den Top Ten der wirtschaftsstärksten Länder der Welt sein soll. Geplant sind ein dritter Flughafen für Istanbul, der größte der Welt, eine dritte Bosporusbrücke und ein weiterer Kanal zwischen Marmarameer und Schwarzem Meer. Landesweit sind über 100 Shoppingmalls in Planung, neue Trabantenstädte, Bürohochhäuser und U-Bahnen. Im Rahmen der Proteste gegen die von großen Teilen der Bevölkerung als rücksichtslos angesehene Modernisierungspolitik wurde der Gezi-Park durch ein Großaufgebot der Polizei gewaltsam geräumt. Mehrere Menschen kamen ums Leben, über 7.000 wurden verletzt, 3.700 festgenommen. Die Niederlage der Gezi-Bewegung war ein entscheidender Schritt zur Etablierung des autokratischen Systems.

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