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bbz 06 / 2018»Wir bereiten auf das Leben von gestern vor«

Markus Hanisch im Interview mit Michael Retzlaff: Der digitale Wandel ist eine große Herausforderung für unsere Schulen.

01.06.2018 - Interview: Markus Hanisch


Das Lernen mit und über Medien rückt erst langsam in den Fokus des Unterrichts. Mit dem neuen Rahmenlehrplan soll sich das ändern, erklärt der Experte für Medienbildung Michael Retzlaff in unserem dreiteiligen Interview.

In den meisten Politikfeldern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Digitalisierung das bestimmende Zukunftsthema ist. Gilt das auch für die Bildungspolitik?
Retzlaff: Wir befinden uns seit 20 Jahren in einem tiefgreifenden Transformationsprozess, der unsere Art zu kommunizieren, zu wirtschaften, zu arbeiten und zu lernen radikal verändert. Digitale Medien revolutionieren unsere Welt in einem vor kurzer Zeit noch nicht vorstellbarem Ausmaß. Gegenwärtig nutzen viele Menschen oft unkritisch die umfangreichen digitalen Möglichkeiten und schaudern doch zugleich angesichts der Kollateralschäden: von der zunehmenden Auf-lösung unserer Privatsphäre, über die Manipulierbarkeit politischer Meinungsbildung bis hin zur Machtfülle der fünf größten Oligarchen der Welt: Amazon, Apple, Facebock, Google und Microsoft. Der Einfluss von digitalen Medien wird künftig weiter rasant zunehmen und dabei auch das Lernen und Lehren in der Schule, aber auch in den Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und der Erwachsenenbildung radikal verändern.

Was bedeutet die Digitalisierung für die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen?
Retzlaff: Kinder und Jugendliche wachsen in dieser Zeit eines enorm dynamischen medialen Wandels auf, der insbesondere bei Jugendlichen zu einer Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche, wir nennen das Mediatisierung, führt und unübersehbare Spuren im Lebensalltag hinterlässt. Digitalisierung und Mediatisierung prägen dabei die Lebenswelten nicht nur nachhaltig, sie verändern auch Bewusstseins-, Kommunikations- und Aushandlungsprozesse und damit den Rahmen, in dem Kinder und Jugendliche ihre altersspezifischen Entwicklungsaufgaben meistern. Das Leben in der digitalen Welt greift zunehmend in das soziale Leben Heranwachsender ein, mit all seinen Vorzügen, aber auch mit einer Vielzahl von Zumutungen und Gefahren. Diskriminierende Inhalte und menschenverachtende Ideologien sowie fahrlässige Formen des Umgangs mit persönlichen Daten sind in der Internetkommunikation allgegenwärtig. Medien sind aber auch Ausdruck des Erwachsenwerdens und sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zu ihrer Altersgruppe. Zugleich bieten Digitale Medien umfangreiche Chancen für den Einzelnen: Information, Kommunikation und Partizipation. Medien sind als überall verfügbare Ressource für Kinder und Jugendliche Erfahrungsraum und Orientierungsquelle zugleich. Sie begleiten dabei kontinuierlich die Identitäts- und Persönlichkeitsbildung.

So umfassend, wie die Digitalisierung Kinder und Jugendliche prägt, würde man eigentlich erwarten, die »digital natives« seien natürlich medienkompetent.
Retzlaff: Es besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung. Zu einer reflektierten und kritischen Mediennutzung führt das selbstverständliche und angstfreie Medienverhalten der Kinder und Jugendlichen in der Regel nicht, wie viele Studien deutlich zeigen.

Wie äußert sich fehlende Medienkompetenz?
Retzlaff: Der Umgang mit Informationen und Quellen bleibt oberflächlich, das Wissen über Mediensysteme und ihre Funktionen in der demokratischen Gesellschaft ist rudimentär, tiefergehende Kenntnisse über Gestaltungselemente und mediale Ausdrucksformen sind nur sehr begrenzt vorhanden und rechtliche Bedenken im Umgang mit Medien werden in der Regel ignoriert. Diese Risiken in digital vernetzten Lebensräumen begrenzen den unbekümmerten digitalen Erfahrungsraum oder stellen ihn sogar massiv infrage. Kinder und Jugendliche dürfen bei diesen medialen Erlebnissen nicht allein gelassen werden, sondern müssen auf die kritische Auseinandersetzung mit der »schönen neuen Medienwelt« vorbereitet werden und das nötige Rüstzeug auf den Weg in die digitale Welt sowohl von der Familie als auch durch die Schule erhalten.

Wir reden beim Thema Medienbildung also sowohl vom Lernen mit Medien als auch vom Lernen über Medien.
Retzlaff: Das Lernen mit Medien befördert die Kompetenz, dass sich Lernende Informationen selbständig, kritisch und kooperativ aneignen und Wissensbereiche erschließen, die über ihren eigenen Erfahrungshintergrund hinausreichen. Medien ermöglichen, an einer erweiterten Kommunikation jenseits des Klassenraums teilzuhaben. Sie unterstützen zudem bei der Präsentation eigener Rechercheergebnisse.

Das Lernen über Medien befördert die Kompetenz einer kritischen Auseinandersetzung mit Medieninhalten als Lerngegenstand. Dabei wird unter anderem die Kompetenz befördert, eigenes Medienhandeln sowohl als Chance als auch als Risiko zu erkennen und aktiv gestaltend wie auch sozial verantwortungsbewusst im Umgang mit Medien zu handeln.

Wie würdest du das Ziel einer Bildung in der digitalen Welt zusammenfassen?
Retzlaff: Auch in der digitalen Welt bleibt es dabei: Bildung soll Menschen befähigen, sich als selbstbestimmte Persönlichkeiten in einer sich ständig verändernden Gesellschaft sicher zurechtzufinden und sich verantwortungsvoll und aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen. Im Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) zur »Bildung in der digitalen Welt« von 2016 wird dazu ausgeführt: »Für den schulischen Bereich gilt, dass das Lehren und Lernen in der digitalen Welt dem Primat des Pädagogischen – also dem Bildungs- und Erziehungsauftrag – folgen muss.« Der digitale Wandel soll genutzt werden, individuelle Potenziale innerhalb einer inklusiven Bildung auch durch Nutzung digitaler Lernumgebungen besser zur Entfaltung bringen zu können.

Erfüllen unsere Schulen diesen Auftrag? Bereiten sie für das Zeitalter der Digitalisierung ausreichend vor?
Retzlaff: Leider nicht. Die internationale Vergleichsstudie ICLS dokumentiert in erschreckender Weise, dass deutsche Schüler*innen mit ihren Computerkenntnissen im Mittelfeld, bei der Nutzung digitaler Medien im Unterricht sogar auf dem letzten Platz liegen. Wir bereiten in deutschen Schulen im internationalen Vergleich mehrheitlich konsequent auf das Leben von gestern vor.

Woran liegt das?
Retzlaff: Es hat mehrere Ursachen; die in der Regel veraltete IT-Ausstattung, kein einheitliches IT-Management, keine professionelle Betreuung und Wartung, unzureichende Netzanbindung sowie eine antiquierte Lehrkräfteausbildung, die Fragen der Medienbildung nicht verpflichtend während des Studiums anbietet und auch nicht als Bestandteil in der Prüfungsordnung zur ersten Lehrer*innenprüfung festlegt. Aber auch Ängste und Unsicherheiten der Lehrkräfte durch fehlende Erfahrungen beim Einsatz digitaler Medien im Unterricht, fehlende beziehungsweise rechtlich nicht abgesicherte Lernmaterialien sowie deutlich zu wenige Fortbildungsangebote im Bereich Medienbildung.

Bevor wir darauf näher eingehen noch einen Schritt zurück: Hat die KMK einen ausreichenden systemischen Rahmen geschaffen?
Retzlaff: Ja, die KMK hat die Herausforderungen des digitalen Wandels in der Bildung spät, aber nicht zu spät angenommen und im Dezember 2016 mit der Strategie »Bildung in der digitalen Welt« eine Hand-lungsorientierung für die zukünftige Entwicklung der Bildung in Deutschland vorgelegt. Dabei wurde in kürzester Zeit eine zwischen allen Bundesländern einvernehmlich abgestimmte Konzeption mit zeitlich verbindlichen Maßnahmen erarbeitet. Die Länder haben sich verpflichtet, geeignete Maßnahmen einzuleiten, dass alle Schüler*innen, die zum Schuljahr 2018/2019 in die Grundschule eingeschult werden oder in die Sek I eintreten, bis zum Ende der Pflichtschulzeit die in diesem Rahmen formulierten Kompetenzen erwerben können.

Was sind das für Maßnahmen?
Retzlaff: Dazu gehören die Überarbeitung der Rahmenlehrpläne, eine verbindliche Integration von Medienkompetenz in alle drei Phasen der Lehrer*innenausbildung, die Bereitstellung eines Breitbandanschlusses und eines W-LAN für alle Schulen und die deutliche Verstärkung der Lehrer*innenfortbildung.

Wie setzt das Land Berlin diesen KMK-Rahmen um?
Retzlaff: In Berlin hat es in den letzten Jahren verschiedene Projekte und Initiativen zur Förderung der Medienkompetenz gegeben, wie das Rahmenkonzept »Medienerziehung in der Berliner Schule«, den Start des Berliner Bildungsservers und des Servers Produktive Medienarbeit PROMT. Oder das Internetportal jugendnetz-berlin.de, die bezirklichen Medienkompetenzzentren und den e-Education Masterplan Berlin mit der moodle Plattform Lernraum Berlin. Die Teilnahme an den Projekten war für die beteiligten Kollegen*innen und ihre Schüler*innen möglicherweise gewinnbringend. Im Sinne der Chancengleichheit zur Vorbereitung aller Schüler*innen auf die Herausforderungen auf eine von Medien dominierten Gesellschaft benötigen wir aber eine verbindliche und im System der Schule fest verankerte Medienbildung für alle Schulen. Die konsequente Weiterentwicklung des Lernraums Berlin und eine kontinuierliche Begleitung durch kompetente Beratungen und Fortbildungen sind ein wichtiger Beitrag zur Umsetzung der KMK Strategie.

Welche Rolle spielt dabei das neue Basiscurriculum Medienbildung?
Retzlaff: Die große Bedeutung von Medienbildung für den erfolgreichen Bildungsprozess von Kindern und Jugendlichen wurde bei der Neufassung des Rahmenlehrplans für die Jahrgangsstufen 1 bis 10 mit dem Basiscurriculum Medienbildung erstmals systemisch berücksichtigt. Mit dem Basiscurriculum Medienbildung als verbindliche Querschnittsaufgabe für alle Fächer ist eine curriculare Geschäftsgrundlage geschaffen und zugleich festgelegt worden, welche Standards und Kompetenzen am Ende der Grundschule und der Sekundarstufe I erreicht werden sollen. Dadurch erhalten Lehrer*innen und Eltern, aber auch Schüler*innen eine klare Orientierung für die verbindliche Verankerung der Medienkompetenzförderung in der Schule.


Michael Retzlaff war bis Oktober 2017 Referatsleiter Medienbildung im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) und ist jetzt als freiberuflicher Medienpädagoge im Bereich Medienbildung in der digitalen Welt aktiv.


Das Interview ist der erste Teil einer dreiteiligen Serie.

Teil 2 in bbz 07-08 / 2018.

Teil 3 in bbz 09 / 2018.

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