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bbz 04-05 / 2017Vollbremsung statt Fortschritt

Unnötige Bürokratie erschwert die Gründung von gymnasialen Oberstufen im Verbund. Dabei zeigen langjährige Erfahrungen, wie es geht

01.04.2017 - Guido Landreh

Sechs Jahre nach der Berliner Schulstrukturreform hat die Senatsbildungsverwaltung einen Leitfaden zur Einrichtung von Gymnasialen Oberstufen (GO) im Verbund herausgegeben. Die geplante Umsetzung wirkt wie ein Rückfall in alte zentralistische Strukturen: Oberstufen im Verbund sollen nur mit Genehmigung der Senatsverwaltung und unter Beteiligung des Bezirksamts und der Bezirksverordnetenversammlung eingerichtet werden.

Schulsenatorin Sandra Scheeres begründet das aufwendige Verfahren damit, dass mit der gemeinsamen Oberstufe mehr entstehe als ein Schulverbund. Es entsteht eine Verbundschule, in der die Oberstufe integraler Bestandteil der beteiligten Schulen wird und die beteiligten Integrierten Sekundar- und Gemeinschaftsschulen (ISS/GemS) in Schulen mit gymnasialer Oberstufe umgewandelt werden (siehe unten).

Anders als bei einer Kooperation übernehmen gemäß dem Leitfaden die Schulen, die eine »GO im Verbund« begründen, gemeinsame Verantwortung für Organisation und Ausgestaltung der gymnasialen Oberstufe. Sie schließen eine entsprechende Verbundvereinbarung, deren Ausgestaltung der entscheidende Faktor für die Realisierbarkeit und den Erfolg ist.

Der Trend setzt sich fort

Grundsätzlich ist der Schritt, gymnasiale Oberstufen (GO) im Verbund einzurichten, ein Schritt in die richtige Richtung. Über die an einer Schule möglichen Schulabschlüsse werden maßgeblich Nachfrage und Schüler*innenklientel gesteuert. Die Eltern wünschen einen erkennbaren, möglichst linearen Weg zum angestrebten Schulabschluss und dieser ist mehrheitlich das Abitur. Sekundarschulen bleiben, wie der Name es bereits beinhaltet, beim Wechsel von der Grundschule an die Oberschule häufig die zweite Wahl. Und ISS und Gemeinschaftsschulen ohne gymnasiale Oberstufe werden in der Regel am wenigsten nachgefragt.

Der Leitfaden zur Einrichtung von Gymnasialen Oberstufen (GO) im Verbund führt aus, dass es grundsätzlich allen ISS und GemS offenstehen soll, sich in einem Verbund zur Einrichtung einer gemeinsamen gymnasialen Oberstufe mit einer oder mehreren ISS zusammen zu tun.

Weiterhin wäre auch die Einrichtung eines solchen Verbundes zwischen ISS/GemS und einem Oberstufenzentrum (OSZ)/Beruflichen Gymnasium möglich. Aber das besondere Profil der Beruflichen Gymnasien soll auch in diesem Fall grundsätzlich nicht aufgegeben werden.

Dabei ist dies der Grund für die bislang fehlende Akzeptanz: Beim Wechsel der Schüler*innen von der Grundschule an die Oberschule wünschen Eltern für ihre elf- bis zwölfjährigen Kinder kein berufliches Profil. Das wirkt einschränkend und damit abschreckend. Das widerspricht auch der ursprünglichen Intention der Schulstrukturreform, die die OSZ als zentralen Weg zum Abitur für die Schüler*innen der ISS/GemS propagiert hat. Und es widerspricht der Entwicklung der letzten sechs Jahre und zahlreichen erfolgreichen Kooperationen zwischen Oberstufenzentren und ISS/GemS.

Stolperstein Berufliches Gymnasium

Bei diesen gelungenen Kooperationen wurde deutlich, dass das Beharren auf der Bezeichnung »Berufliches Gymnasium« ein Stolperstein ist. Jede Berliner Schule und natürlich auch die OSZ entwickeln ein eigenes Profil. Das ist unstrittig, darf aber nicht dogmatisch werden. Das bedeutet konkret: Gymnasiale Oberstufen müssen gymnasiale Oberstufen sein, auch am OSZ. Und das Kursprofil der gymnasialen Oberstufe am OSZ muss zum Profil der ISS/GemS im Schulverbund passen. Es muss neben der beruflichen Profilschiene der gymnasialen Oberstufe mindestens eine zweite, die zum Profil aller am Schulverbund beteiligten Schulen passend ist, zugelassen werden.

Für diese banale Erkenntnis muss es keinen Schulversuch geben. Sie ist das Ergebnis einer langjährigen und erfolgreichen Kooperation der Heinz-Brandt-ISS, der Reinhold-Burger-ISS und der Marcel--Breuer-Schule (OSZ) in Berlin-Pankow und des daraus entstandenen Schulverbundes. Die Erkenntnisse dieser Kooperation sind mit Sicherheit übertragbar. Im Leitfaden der Senatsverwaltung werden sie aber leider nicht umgesetzt.

Wichtiger als die geplante Fusion der Verwaltungseinheiten in den Verbundoberstufen ist die Entwicklung miteinander abgestimmter Curricula, das Durchführen von gemeinsamen Fachkonferenzen und Fortbildungen, das Etablieren der Inklusion als zentralem Anliegen, die Verständigung über ein gemeinsames Differenzierungskonzept, gemeinsame Absprachen zur Unterrichtsentwicklung, das Teilen von Entwicklungen und Arbeitsergebnissen sowie die Zusammenarbeit beim Einsatz der Lehrkräfte in der Sek I und II zur Durchführung von Unterricht, Projekten und Veranstaltungen, bei der Lehrerausbildung wie auch bei der Personalkostenbudgetierung. All das zeichnet einen guten Schulverbund aus. Eine passende Weiterentwicklung des Schulverbundes könnte eine Konföderation sein. Die Verbundschule hingegen wird mehr Probleme als Lösungen bringen.

Gründung einer Verbundschule viel zu aufwändig

Schon allein das aufwändige Verfahren zur Gründung einer Verbundschule wirkt abschreckend. Eine gemeinsame Oberstufe als Verbundschule einzurichten bedeutet für die beteiligten Schulen einen immensen Aufwand und ist in der dargestellten Form nur bedingt zielführend. Der zu erwartende Verwaltungs- und Koordinationsaufwand wird die Realisierung von Verbundschulen daher in hohem Maße erschweren. Und die Fusion der Verwaltungseinheiten verschiedener Schulen in einer gymnasialen Oberstufe im Verbund würde den Oberstufenzentren wahrscheinlich wirtschaftliche Nachteile bringen.

Warum sollten sie sich darauf einlassen?
Es gibt offensichtlich nicht nur im Gymnasialbereich das Interesse eines Alleinstellungsmerkmals. Auch für Oberstufenzentren scheint es eine Lobby zu geben, die sich selbst 40 Jahre nach dem Aufbau der OSZ einer Evaluation und notwendigen Entwicklungen widersetzen kann. Statt Fortschritt also eher eine Vollbremsung.


Eine Verbundschule

wird aus einer rechtsverbindlichen Vereinigung einzelner Schulen oder Abteilungen konstituiert. Ein Schulverbund besteht aus Schulen, die rechtlich und wirtschaftlich autonom sind.

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