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bbz 12 / 2016Philosophie als Selbstzweck

Eine polemische Auseinandersetzung mit der Darstellung des Fachs Philosophie im neuen Rahmenlehrplan

01.12.2016 - Jens Glatzer

Was ist eigentlich Philosophie? Diese Frage kurz und prägnant zu beantworten, ist sicher keine einfache oder tri-viale Aufgabe. Wenn Philosophie aber ein Unterrichtsfach sein soll, ist eine Beantwortung unumgänglich. Schließlich ist die Charakterisierung maßgeblich dafür, was in diesem Fach passiert und geleistet werden soll. Angesichts des neuen Rahmenlehrplans des Brandenburger Ministeriums sowie der Berliner Senatsverwaltung ist allerdings schwer zu glauben, dass es um seriöse Bildung geht. Die dortige Charakterisierung des Wahlpflichtfaches ist die eines »Laberfachs«, dessen Kern in einem von Ansprüchen befreiten Meinungsaustausch besteht.

Die Bestimmung des Fachs erfolgt zunächst über die »Tätigkeit des Philosophie-rens«. Der damit einher gehende Kompetenzbezug ist durchaus löblich. Problema-tisch wird es jedoch, wenn gefragt wird, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten an dieser Stelle angesprochen sind. Die Antwort des Rahmenlehrplans ist so knapp wie sinnbefreit: »das selbständige Nachdenken über philosophische Probleme«.

Rätselhaft ist schon die Forderung nach Selbstständigkeit. Wer immer über ein Problem nachdenkt, und es muss nicht einmal ein philosophisches sein, tut dies offenkundig selbst. Ganz zufällig hat DES-CARTES, ein Philosoph (sic), auf dieser Grundlage die eigene Existenz als Fundament jeglicher Erkenntnis postuliert: »Ich denke, also bin ich.«

Es ist vermessen, die Lösung philosophischer Probleme von einem Wahlpflichtfach fürneunte und zehnte Klassen zu erwarten

Geschenkt. Aussagekräftig ist die Charakterisierung ohnehin nur, wenn zumindest klar ist, was mit philosophischen Problemen eigentlich so gemeint ist. In dieser Hinsicht schweigt sich der Rahmenlehrplan aber natürlich aus. Interessant ist zudem, dass ein systematisch--methodisches Vorgehen nicht einmal als Bedingung erwogen wird. Was ist mit der prinzipiellen Nachvollziehbarkeit? Nein, ebenfalls Fehlanzeige. Derart anspruchslos verabschiedet sich das Fach unmittelbar in den sprichwörtlichen Elfenbeinturm.

Es wird aber noch schlimmer: »Für die Philosophie kann es dabei keine endgültigen Lösungen geben.« Bitte was? Da un-ser heutiges System von Wissenschaften historisch seine Wurzeln in der Philosophie hat, blicken wir mithin auf über 2000 Jahre kognitiven Stillstands? Sicher nicht! Es ist letztlich auch schwer vorstellbar, dass das Ministerium beziehungs-weise die Senatsverwaltung dies tatsächlich sagen wollten, es steht aber nun einmal so im Rahmenlehrplan.

Auf jeden Fall wird Philosophie dadurch final zum Selbstzweck erklärt. Das Philosophieren führt ja schließlich zu nichts. Dabei ist die Aussage ohne den prophetischen Anspruch, dass es immer so sein wird, zumindest alethisch – also in Hinsicht auf ihren Wahrheitsstatus – beinahe akzeptabel: Es ist durchaus wahr, dass es in der Philosophie überkommene Probleme gibt, die seit ihrem Aufwerfen noch zu keiner Lösung gebracht wurden. Es geht nun aber gerade um Probleme und diese macht aus, dass sie bislang ohne Lösung sind. Letztlich ist es doch auch sehr vermessen, die Lösung philosophischer Probleme von einem Wahlpflichtfach für neunte und zehnte Klassen zu erwarten.

Derart anspruchslos verabschiedet sich das Fach in den sprichwörtlichen Elfenbeinturm

Im Mathematikunterricht werden doch auch nicht unbedingt die großen mathematischen Probleme gelöst. Dort wird zunächst einmal Rechnen gelernt. Wie wäre es also, den Philosophieunterricht mit facheigenen Methoden zum Umgang mit Problemen zu beginnen? Einerseits sind damit fachimmanente Probleme angesprochen, zu denen, entgegen der Überzeugungen der federführenden Verwaltungen, einige hilfreiche Lösungsansätze vorliegen. Andererseits dürften so die Ziele des Philosophieunterrichts gemäß Rahmenlehrplan tatsächlich erreichbar werden. Zumindest dann, wenn zunächst die unsinnige Charakterisierung der Tätigkeit des Philosophierens fallen gelassen wird.

Es ist ja nicht so, dass es keine einfache und nahe liegende Lösung gibt. Einfach ein wenig im Rahmenlehrplan blättern und die Bestimmung des Referenzfachs Philosophie bei Ethik nachschlagen: »Unter Philosophie wird das methodisch geleitete Nachdenken über die Grundlagen des menschlichen Denkens, Handelns und Seins verstanden.« Und Philosophieren ist dann schlicht, gerade dies zu tun!

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