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bbz 09 / 2019Pädagog*innen übernehmen die Führung

Bericht vom 8. Weltkongress der Bildungsinternationale in Bangkok

01.09.2019 - Anne Albers

Juli 2019. Alle reden endlich von der Klimakrise. Und ich fliege um die halbe Welt, um an einem Gewerkschaftskongress teilzunehmen. Kann ich das rechtfertigen? Nein. Kleiner Trost, es war ein guter Kongress und ich habe einige Denkanstöße für uns in Berlin im Gepäck.

Aber ich fange mit meinem Bericht vorne an. Wer oder was ist eigentlich die Bildungsinternationale? Die BI, oder auf Englisch »Education International« (EI), vereint als immerhin weltweit größte Gewerkschaftsföderation rund 400 Bildungsgewerkschaften aus mehr als 170 Ländern mit 33 Millionen Mitgliedern unter ihrem Dach. Ein politisches Schwergewicht also, deren Wort bei den UN, der UNESCO und anderen weltweiten Organisationen gehört wird. Alle vier Jahre tagt der Weltkongress der EI, auf dem wie bei unseren Landesdelegiertenversammlungen die politischen Leitlinien beschlossen werden. In diesem Jahr fanden sich etwa 1.400 Gewerkschafter*innen Ende Juli in der thailändischen Hauptstadt Bangkok zusammen und diskutierten mehr als 45 Anträge mit über 200 Änderungsanträgen. Susan Hopgood, die australische Präsidentin der EI, bringt das Ziel für die kommenden vier Jahre bis zum nächsten Kongress auf den Punkt: Pädagog*innen und deren Gewerkschaften übernehmen die Führung.

Die drei maßgeblichen Säulen dafür sind: Erstens die Förderung von Demokratie, Menschen- sowie Gewerkschaftsrechten, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit. Zweitens den Beruf der Lehrenden voranzubringen und ihre essentielle Rolle aufzuwerten. Drittens das Recht auf kostenlose und qualitativ hochwertige öffentliche Bildung für alle zu sichern.

Eine spürbare Aufbruchstimmung schwingt mit den vielen, oft sehr leidenschaftlichen Reden durch die große Halle des Kongresszentrums. Das ist die gute Nachricht, denn die Lage für freie, öffentlich finanzierte und qualitativ hochwertige Bildung ist 2019 alles andere als rosig. Bis 2030 werden weltweit etwa 69 Millionen neue Pädagog*innen benötigt, gleichzeitig sinkt die öffentliche, auskömmliche Finanzierung für Bildung und Wissenschaft und die Ökonomisierung nimmt zu. So skizziert EI-Generalsekretär David Edwards die Lage.

Delegierte aus Brasilien, den USA und Mexiko berichten von zunehmenden Angriffen auf die Demokratie und Menschenrechte, auf den Philippinen oder in Bahrain werden unsere Kolleg*innen für ihr gewerkschaftliches Engagement eingeknastet und manche sogar gefoltert. Diese Berichte holen meine deutsche, privilegierte Perspektive nicht nur ganz schnell auf den Boden zurück, sondern machen auch unmissverständlich klar, worum es in Bangkok geht. Die EI ist nicht nur ein gewerkschaftliches Lobbyinstrument, sondern erfüllt für viele Kolleg*innen auch eine wichtige Schutzfunktion. Zudem kann sie eine Impulsgeberin für die Positionsfindung im Inneren sein. Ein Beispiel: Beim Antrag für die Rechte von LGBTI*-Personen stimmten einige Länder nicht mit ab, wie auch, homosexuell zu lieben steht dort unter hoher Strafe. Aber wie wichtig die gemeinsame Diskussion auf dem Kongress ist, offenbart sich nicht zuletzt, wenn noch immer einige schwule weiße Männer aus dem Westen nicht verstehen, warum die Welt für viele andere Trans*-Personen nicht so happy-clappy ist wie für sie selbst.

Die Delegierten waren sich einig, jetzt gilt es zu handeln. Ein wichtiger Baustein ist dabei, Organizing zu betreiben und unser Gewicht als Gewerkschaften zu nutzen, beschlossen die Delegierten im Leitantrag »Educators and their Unions Taking the Lead«. »Pädagog*innen, ihre Unterstützer*innen und ihre Gewerkschaften sind unter den letzten Bastionen, die die Freiheit der Bildung für Alle und Werte wie Demokratie und Menschenrechte sowie die Rechte der Gewerkschaften verteidigen«. Das ist groß gedacht, aber die Richtung stimmt allemal.

Konkreter wurde es in den einzelnen Resolutionen, unter denen auch Anträge der GEW zu Friedenserziehung, frühkindlicher Bildung, zur Zukunft der pädagogischen Berufe oder zum Zugang zu Bildung für Geflüchtete waren. Der Kongress beschloss Positionen zu Bildung für nachhaltige Entwicklung, Rechten von LGBTI*-Personen oder zur Freiheit der Wissenschaft. Zum ersten Mal hat sich der Kongress differenziert für die Dekolonisierung von Bildung ausgesprochen und bezieht sich auf den Bildungsbegriff, die pädagogischen Traditionen und den Anspruch sozialer Gerechtigkeit im Bildungssystem. Große Zustimmung fand ein Antrag der GEW-Delegation zu Friedenserziehung statt Aufrüstung und gegen Rekrutierung innerhalb von Schulen. Neben der Forderung nach einer Zivilklausel, mit der sich einige Gewerkschaften zunächst schwertaten, sollen Lehrkräfte die formelle Befugnis erhalten, den Personalvermittler*innen den Zugang zum Schulgelände zu verweigern. Diesen Beschluss könnten unsere Gesamtkonferenzen an den Schulen direkt umsetzen.

Neben den Plenarsitzungen fanden Sitzungen der Ausschüsse der Frauen, LGBTI und erstmals ein Runder Tisch der Jungen Gewerkschafter*innen statt. Besonders inspirierend waren oft die kleinen Gespräche am Rande. Eine japanische Kollegin berichtete von der erfolgreich erkämpften Einführung nicht gegenderter Klassenlisten. Dadurch sinkt die Annahme und Anwendung von fälschlichen gender-Stereotypen. Diese haben somit weniger Einfluss auf den Bildungserfolg. In Rumänien bauen die Kolleginnen mithilfe guter Projekte langsam, aber stetig die Übermacht der Männer in ihrer Gewerkschaft ab, ohne dabei in einen offenen Machtkonflikt zu geraten. Der Women’s Caucus war sich einig, dass die Gesundheit von Frauen in unseren überwiegend weiblich besetzten Kollegien mehr in den Fokus unserer Gewerkschaftsarbeit rücken sollte. Die Referentin Rashidah Shuib forderte einen sanften, partnerschaftlichen Generationenwechsel und erinnerte die Älteren, Mächtigeren an eine empowernde Nachwuchsförderung: »Power is meant to be shared«.

Die jungen Gewerkschafter*innen sprachen sich angesichts des anstehenden Generationenwechsels für Förderprogramme und eine Jugend-Quote aus. Zurück im Kongressplenum zeigt mir mein Blick in die Runde, dass auch dieses bis in vier Jahren noch viel jünger, weiblicher und diverser werden könnte. Neben all diesen Eindrücken war es auch schön, die gute Reputation und internationale Sichtbarkeit der GEW zu erleben, die sich nicht zuletzt aus der aktiven Basisarbeit vor Ort speist. Marlis Tepe wurde zur Vizepräsidentin der EI wiedergewählt und setzt sich in dieser Funktion weltweit weitere vier Jahre für das Recht auf freie Bildung für Alle ein.

Was bringe ich euch also mit aus Bangkok? Vielleicht diese simple Erkenntnis, im Klein-Klein des Alltags geht das Große, Kämpferische leicht unter. Du, lass dich nicht verbrauchen, könnte ich Wolf Biermann zitieren. Hol die Kolleg*innen ran, lasst uns gemeinsam kämpfen!


Der persönliche C02-Verbrauch der Autorin liegt laut Rechner des Umweltbundesamtes bei etwa 4,25 Tonnen pro Jahr. Mit ihrem Flug nach Bangkok hat sich ihr Fußabdruck auf einen Schlag mehr als verdoppelt, auf 8,63 Tonnen C02. Der*die deutsche Durchschnittsbürger*in verbraucht etwa 11,61 Tonnen pro Jahr. Gegen die eigene Flugscham hat die Autorin ihren Flug über Atmosfair kompensiert.

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