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bbz 04-05 / 2016Governance als Ermächtigung

Governance, das neue Zauberwort der Wissenschaftspolitik, sagt wenig aus.

Dennoch gilt es als neue Leitmaxime für die Regierbarkeit von Hochschulen. Durchaus ein Gegensatz zur Diskussion um »gute Wissenschaft« und »gute Hochschule«.

01.04.2016 - Ulf Kadritzke, Mitglied des Kuratoriums der Humboldt-Universität Berlin

Glaubt man aktuellen Stimmen zur verzögerten Neuwahl des HU-Präsidiums, so geht ein Gespenst um an deutschen Hochschulen: »Unregierbarkeit«. Jenseits des aktuellen Falls geht es um Organisationsrezepte, die das Funktionieren der Hochschulen verbessern sollen. Das neue Zauberwort, aus dem Englischen importiert und im Zuge der Exzellenzwettbewerbe zum Organisationsleitbild befördert, heißt »Governance«. Es klingt wissenschaftlich seriös und schmeckt zugleich nach Praxis. Mit dem Adjektiv »good« versehen, verspricht es die Vereinbarkeit von Effizienz und Transparenz, von Führung und demokratischer Teilhabe. SkeptikerInnen geben freilich zu bedenken, Governance sei als »funktionaler Management-Code« gerade wegen seiner Unbestimmtheit so beliebt.
Im Zeichen der Exzellenzinitiativen und der Konkurrenz um knappe öffentliche und private Mittel fordert das neue Leitbild die Hochschulleitungen auf: Habt Mut zum Regieren. Der Appell wird mit Begründungen und Bildern aus der Welt des Marktes und der Unternehmen garniert. Da ist einerseits viel Wortgeklingel im Spiel, andererseits wird schon ernst gemacht mit »Stärken-Schwächen-Analysen«, »Zielvereinbarungen« und managementartigen Gehältern für PräsidentInnen. Auffällig ist der Grundgedanke, mechanisch vom Privatunternehmen auf die ganz andere Organisationskultur der Hochschulen zu übertragen. Nach DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel erfordert der »internationale Wettbewerb« in der Forschung »angemessene Entscheidungsstrukturen und starke Hochschulleitungen«.

Man ahnt nichts Gutes

»Angemessen«, »gut« und »stark« soll das neue Regieren von Hochschulen sein. Aber angemessen für wen, gut und stark wofür? Wer den Hochschulen noch den Auftrag zur »Bildung durch Wissenschaft« (so das Zukunftskonzept der HU-Exzellenzinitiative) zuspricht, sieht sich von den Rufen nach mehr Governance in der Skepsis bestätigt. Man ahnt für das ohnehin schwache Pflänzchen Demokratie und Parti-zi-pation nichts Gutes, zumal der CDU-Wissenschafts-politiker Michael Kretschmer schon Konsequenzen fordert: »Wir müssen die kollektive Verantwortungslosigkeit, die wir zumindest in Teilen der Hochschulen durch die Gremienstruktur haben, brechen«.

Es droht die Realisierung des Leitbilds der unternehmerischen Hochschule. In ihm fungieren Hochschulräte wie Aufsichtsräte, die tatsächlich weder demokratisch legitimiert sind noch alle wesentlichen Bereiche der Gesellschaft darstellen. Es ist dieselbe zur Macht gelangte Denkweise, die den Wettbewerb zwischen Exzellenz- und »sonstigen« Universitäten zum produktiven Sachzwang erklärt. Zu diesem Zwang scheint auch zu gehören, dass unter den Exzellenz-Zielen die Qualität der Lehre auf die hinteren Plätze verwiesen ist.

Was wäre demgegenüber wirklich gutes Regieren an Hochschu-len? Es geht es um die Autonomie der Wissenschaf-ten, um gute Ausbildung, um kritisches Den-ken und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung für das, was in Forschung und Lehre entdeckt, reflektiert und vermittelt wird. Gemessen an solchen vernünftigen Ansprüchen zieht Wolfgang Lieb, früher Wissenschaftspolitiker, heute kritischer Experte, das nüchterne Fazit: »Die überwiegende Mehrheit der Forschenden und Lehrenden an den Hochschulen und erst recht die Studierenden sind mit der neuen Freiheit, verglichen mit ihren früheren Beteiligungs- und Mitwirkungsrechten, wesentlich unfreier geworden als unter der früheren akademischen Selbstverwaltung.« Das Urteil bedeutet nicht, dass früher alles besser gewesen wäre. Aber es sollte uns ermutigen, intensiv über »gute Wissenschaft« und die »gute Hochschule« zu diskutieren, vor allem sich nicht von »good governance« ruhig stellen zu lassen. Den Disput unter Anerkennung unterschiedlicher Ansprüche und Erwartungen auszutragen, wäre ein vernünftiges hochschulpolitisches Leitbild. Man könnte es Demokratie nennen.


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Unternehmen Hochschule“

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