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bbz 12 / 2016Glauben gehört ins Gotteshaus

Die Debatte über Neutralität bietet die Chance, die Trennung von Staat und Religion zu festigen und konfessionellen Religionsunterricht aus den Schulen zu verbannen. Gute Gründe dafür gibt es viele

01.12.2016 - Gero Ambrosius

Wikipedia definiert Religionen als Weltanschauungen, die in dem Glauben an übernatürliche, nicht beweisbare Kräfte beruhen. Unwissenschaftliche Konzepte also, deren Richtigkeit niemand überprüfen kann. Ist es nicht längst überfällig, unsere Schulen von diesem Ballast vormoderner Zeiten zu befreien? Sollten staatliche Schulen tatsächlich ein Forum bieten, Kindern und Jugendlichen willkürliche Glaubenssysteme zu vermitteln?

Mit konfessionellem Unterricht bieten wir so manch zweifelhafter AkteurIn ein Forum. Wir unterstützen Einrichtungen, die oft weit vom Anspruch entfernt sind, die Gleichberechtigung der Geschlechter umzusetzen. Das Predigen der Glaubensinhalte bleibt in den jeweiligen Gebetshäusern in der Regel Männern vorbehalten. Wir helfen Vereinen, die offen Homosexualität als Krankheit oder Sünde betrachten, dabei unsere Kinder zu beeinflussen. Und wir stellen zu geringe Bedingungen, wenn wir uns mit einem einfachen Bekenntnis zur Verfassung zufrieden geben. Aufklärung, die Grundlage unserer modernen Gesellschaft, wurde nicht durch religiöse Institutionen vorangetrieben. Sie wurde stattdessen gegen ihren erbitterten Widerstand erkämpft und offenbar stecken die AkteurInnen teilweise noch heute mit beiden Beinen im Widerstand gegen die Moderne.

»Der konfessionsgebundene Unterricht betont das Trennende« 

Zudem betonen wir mit dem konfessionsgebundenen Unterricht von Religionen das Trennende. Wir fördern damit die Rückbesinnung und Identifikation mit der Herkunftsreligion. Sinnvoller wäre die Vermittlung von Inhalten, die das Gemeinsame betonen. Statt Religion sollten wir viel stärker die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaftsordnung lehren. Erschreckend gering ist oft selbst unter PädagogInnen die Reflexion darüber, was eigentlich Demokratie über Mehrheitswahlrecht hinaus bedeutet.

Zu wenig bewusst ist, dass gerade die Befreiung des Menschen von der Dominanz religiöser Deutungshoheit wesentliche Grundlage unserer modernen Gesellschaften ist. Erst die opferreich erkämpfte Möglichkeit, religiöse Weltdeutungen und Gottes Gesetze zu hinterfragen, hat unsere offene Gesellschaftsform möglich gemacht. Die Freiheit, religiösen, genauso wie weltlichen Autoritäten zu widersprechen und als Individuen unsere eigenen Antworten zu suchen, ist die tragende Säule der Demokratie. Dieser Freiheit sollten wir einen viel höheren Stellenwert in der Schule einräumen.

Wir sollten gründlich vermitteln, was die Grundlagen und Fundamente unserer Demokratie sind, dass Demokratie Meinungsfreiheit zur Bedingung hat und wir sollten diese Freiheit regelmäßig in Debatten in den Schulen trainieren. Hier kann dann das Thema Religion selbstverständlich eine große Rolle spielen, wenn es die SchülerInnen bewegt. Genauso sollten hier Themen wie der Nahostkonflikt, Antisemitismus, Homophobie, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung oder negative Religionsfreiheit ohne Scheu vor Kontroversen bearbeitet werden. Zu häufig entsteht der Eindruck, dass diese oft explosiven Thematiken möglichst weiträumig umschifft werden.

In diesem äußerst spannungsreichen Aufgabenfeld kann auf die Unterstützung spezialisierter Projekte zurückgegriffen werden, wie etwa auf das von Ahmad Mansour unterstützte »Heroes«-Projekt zur Auseinandersetzung mit Ehrvorstellungen oder auf die Bildungsinitiative »Frieden ist kein Wintergarten« zur Reflexion über demokratische Grundwerte. Diese Themenbereiche sollten wir in den Schulen viel stärker als bisher berücksichtigen.

Die Förderung des Glaubens an übernatürliche Kräfte hingegen hat in der Schule nichts zu suchen.


Dieser Artikel ist Teil des bbz-Themenschwerpunkts „Die Sache mit der Religion“

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