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bbz 07-08 / 2016Gemeinschaftsschulen werden zum Modell

Das Modellprojekt Gemeinschaftsschule ist ein voller Erfolg und widerlegt viele Vorurteile gegen das gemeinsame Lernen.

01.07.2016 - Rainer Maikowski und Sigrid Baumgardt, Gesamtkoordination der Pilotphase Gemeinschaftsschule in der Senatsbildungsverwaltung

Die Berliner Gemeinschaftsschule wird mehr und mehr zum Modell für einen individuellen Weg zu allen Schulabschlüssen bis hin zum Abitur. Ein Modell, wie Chancengerechtigkeit und gute Lernentwicklungen für alle SchülerInnen realisiert werden können. Durch eine konsequente Gestaltung des Unterrichts für heterogene Lerngruppen über einen komplexen Methodenmix auf der Grundlage innerer Differenzierung entsteht auch für andere Schulen eine Blaupause für »guten Unterricht«. Das ist die Quintessenz des Abschlussberichtes der Pilotphase Gemeinschaftsschule, bei der zwei Drittel der 24 Berliner Gemeinschaftsschulen seit 2008/ 2009 wissenschaftlich begleitet wurden.

In den Untersuchungen der Langzeitstudie, die im Auftrag der Senatsverwaltung durchgeführt wurde, ging es vor allem darum, zu überprüfen, inwieweit die Gemeinschaftsschulen ihre wesentlichen Ziele auch über einen längeren Zeitraum erreichen (siehe unten).

Im Rahmen zweier Erhebungswellen wurden die Lernentwicklungen der Schülerinnen und Schüler im Verlauf der Sekundarstufe I in den Kompetenzbereichen Leseverständnis, Orthografie, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften in zweijährigen Abständen untersucht. Zur Einordnung der Ergebnisse wurden die Lernstände und Lernentwicklungen von SchülerInnen einer Kontrollgruppe herangezogen, die aus 62 Hamburger Schulen aller Schularten mit vergleichbaren SchülerInnenschaften gebildet wurde.

Sozial benachteiligte SchülerInnen profitieren stark

Im Vergleich mit der Hamburger Kontrollgruppe ragen vor allem die höheren Lernzuwächse im Kompetenzbereich Leseverständnis heraus. Deutlich höhere Lernfortschritte konnten auch in den Kompetenzbereichen Mathematik und Englisch erreicht werden. Der Lernzuwachs im Kompetenzbereich Naturwissenschaften ist geringfügig höher ausgefallen.

Positiv überrascht hat das Ergebnis, dass die Lernzuwächse der Schülerinnen und Schüler aus Schulen in sozial benachteiligen Stadtteilen besonders hoch sind. Das zeigt, dass die (hohen) Förder-+erfolge in allen fünf Kompetenzbereichen weitgehend unabhängig von der sozialen Herkunft sind.

Keine Nachteile durch inklusiven Unterricht

Bemerkenswert sind darüber hinaus auch die Ergebnisse zu den Auswirkungen der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Förderstatus. Als »Schule für alle« haben die Berliner Gemeinschaftsschulen von Anbeginn Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgenommen.

Über alle untersuchten Kompetenzbereiche hinweg lassen sich keine Nachteile für Schülerinnen und Schüler feststellen, die gemeinsam mit SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderstatus unterrichtet werden. Für die SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderstatus erweist sich das gemeinsame Lernen als förderlich. Sie erzielten ungeachtet der behinderungsbedingten erheblichen Lernrückstände beachtliche Lernfortschritte.

Die guten Lernzuwächse aller SchülerInnen sind ein bemerkenswert positives Ergebnis. Die Ziele der Gemeinschaftsschulen werden weitgehend auch über längere Zeit umgesetzt. Damit leisten die Gemeinschaftsschulen einen bedeutsamen Beitrag zur Weiterentwicklung des gemeinsamen Lernens in heterogenen Gruppen.

In einer zweiten Phase der wissenschaftlichen Begleitung wurde außerdem eine interessante Teilstudie zur Unterrichtsgestaltung und -entwicklung durchgeführt. Das wichtigste Ergebnis: Vier Fünftel der befragten Lehrkräfte bekunden auch nach acht Jahren eine positive Einstellung zur pädagogischen Arbeit an der Gemeinschaftsschule. Die Analyse der Gestaltung des Unterrichts zeigt, dass es im Umgang mit heterogenen Lerngruppen keinen Königsweg, sehr wohl aber fachspezifisch unterschiedlich effektive Methodenkombinationen gibt. Die wissenschaftliche Begleitung beinhaltete ebenfalls qualitative Fallstudien, in denen Lehrkräfte zu ihren Sichtweisen auf Lernen und Unterricht befragt wurden. Die Ergebnisse geben Auskunft darüber, mit welchem Ringen um den richtigen Weg, welchen damit auch verbundenen Verunsicherungen und schließlich mit welchen Korrekturen und Veränderungen von Konzepten dieser Prozess verbunden war.

Senatorin will sich einsetzen

Sandra Scheeres, die Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, skizzierte bei der Vorstellung des Abschlussberichts, wie der weitere Weg für die Gemeinschaftsschulen aussehen könnte: »Ich werde mich dafür einsetzen, dass das Angebot der Gemeinschaftsschulen in Berlin als besondere Ausprägung der Integrierten Sekundarschule dauerhaft verstetigt wird.«

Für alle Schulen muss eine glaubwürdige und verlässliche Perspektive für die Langform von 1 bis 13 entwickelt werden. Ab dem Schuljahr 2016/17 haben 14 der 24 Gemeinschaftsschulen eine gymnasiale Oberstufe, eine Schule bietet derzeit noch lediglich die Klassen von 7 bis 10.
Für alle Berliner Schulen besteht stets die Möglichkeit, gemäß § 17a des Schulgesetzes, in die Pilotphase einzusteigen. Bewerbungen für die Pilotphase Gemeinschaftsschule erfordern eine Zustimmung der Schulkonferenz mit Zweidrittel-Mehrheit, eine Stellungnahme der zuständigen regionalen Schulaufsicht und die Zustimmung des Schulträgers.

Die Herausforderungen sind definiert, MitstreiterInnen und UnterstützerInnen bekannt. Jetzt kommt es auf die politisch Verantwortlichen an.

Die Ergebnisse sind in vier ausführlichen Berichten dargelegt.


Die zentralen Ziele der Gemeinschaftsschule

• Chancengerechtigkeit durch längeres gemeinsames Lernen und eine optimale Förderung der individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten aller SchülerInnen
• Lernen in heterogenen Gruppen durch innere Differenzierung ohne äußere -Leistungsdifferenzierung
• Überwindung der Abhängigkeit des Lernerfolges von der sozialen Herkunft
• Inklusive Schule: alle SchülerInnen werden ihren Möglichkeiten entsprechend -gefördert, herausgefordert und in einem möglichst selbstständigen Lernen -unterstützt
• Die Gemeinschaftsschulen machen ein kontinuierliches Lernangebot von -Klassenstufe 1 bis 10 oder 13, das alle Optionen offenhält und zu allen -Schulabschlüssen führt.

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