GEW - Berlin
Du bist hier:

bbz 04 / 2019Für Vernunft und gegen Linke

Über die Gründung der rechtsnationalistischen »Campus Alternative Berlin«

01.04.2019 - Joshua Schultheis

Im Jahr 2015 legten 14 Neuköllner*innen ihr Abitur mit Bestnote ab. Die B.Z. berichtete damals von dem Festakt, bei dem die Musterschüler*innen durch die damalige Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey ausgezeichnet wurden. In einem so heterogenen, kulturell vielfältigen und oft als Problembezirk verschrienen Stadtteil seien diese jungen Menschen die Zukunft. »Sie sind Aushängeschilder des Bezirks, unsere Botschafter«, so Giffey. Einer der Ausgezeichneten ist Yannic Wendt. Karohemd, sanftes Lächeln, strubbelige Gel-Frisur. Sein Berufswunsch: »Ich würde gerne zum Geheimdienst, weil ich Analyse und Verschlüsselung spannend finde«.

Drei Jahre später ist Franziska Giffey Familienministerin und Yannic Wendt ist – nein, nicht beim BND –, sondern ebenfalls in die Politik gegangen und Mitgründer sowie Vorsitzender der »Campus Alternative Berlin«. In einem Tweet vom 14. November 2018 gab David Eckert, Vorsitzender der AfD-Jugendorganisation, der »Jungen Alternative Berlin«, die Gründung der JA-Hochschulgruppe an der Freien Universität bekannt. Eckert hatte bereits vor vier Jahren eine »Campus Alternative« in Düsseldorf gegründet, die schnell aufgrund spektakulärer Aktionen und ihrer Verbindungen zur Identitären Bewegung sowie zu rechten Burschenschaften Aufsehen erregte. Damals formulierte er sein bildungspolitisches Ziel so: »Ich will, dass vor jeder deutschen Bildungsinstitution eine Deutschlandfahne weht, weil wir wieder Patriotismus in Deutschland brauchen«. Dagegen gab sich der Berliner Ableger der »Campus Alternative« in seinem ersten Internetauftritt auf Facebook zunächst gemäßigt. Man wolle die Bedingungen aller Studierender verbessern, für mehr Transparenz im AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) sorgen und für die Freiheit der Wissenschaft eintreten, da diese in »Zeiten zunehmender Denkverbote« gefährdet sei. Ein Foto zeigt das Gründungstreffen. Darauf drei Personen mit Laptop, Stift und Schreibblock um einen runden Tisch herum. Neben David Eckert erkennt man auch Yannic Wendt, dasselbe Lächeln wie vor drei Jahren, nur die Haare sind jetzt glattgekämmt.

Sticker für »mehr RECHTE an der Universität«

Deutlicher wird die »Campus Alternative Berlin« auf ihrer Website. Dort stellt sie sich als »konservative Hochschulgruppe« vor, die sich gegen die Ideologisierung der Wissenschaft und die Verschwendung universitärer Gelder wende. Das heißt konkret: Gegen Gender Studies, gegen Transgender-Toiletten, gegen Hörsaalbesetzungen und »gegen die Tyrannei von Postmodernisten«. Unter der Überschrift »Rückkehr zur Vernunft« beklagt die »Campus Alternative« sowohl den »Zwang zur gegenderten [sic] Sprache« als auch die ihrer Meinung nach unbegründet lange Dauer des Streiks der studentischen Beschäftigten in Berlin Anfang letzten Jahres.

Die erste Aktion der »Campus Alternative« außerhalb des Netzes bestand darin, auf dem Gelände der Freien Universität Sticker mit der Aufschrift »Für mehr RECHTE an der Universität« zu verteilen. Unter anderem wurden damit Plakate des »Referats für Internationale Studierende und Studierende of Color« überklebt. Der AStA der FU wertete dies als Angriff auf die studentische Selbstverwaltung und insbesondere auf von Rassismus betroffene Studierende und veröffentlichte eine Stellungnahme, in der die politischen Ansichten der »Campus Alternative« als rassistisch und transfeindlich verurteilt und alle Hochschulangehörigen dazu aufgefordert wurden, der JA-Hochschulgruppe an der FU keinen Raum zu geben. In einer Pressemitteilung bezeichnete die »Campus Alternative« diese Anschuldigungen als »haltlos« und als ein »typisches Beispiel linker Gesinnungsdiktatur«. Dazu entwirft sie ein geradezu episches Narrativ:

»Seit 50 Jahren geht ein Gespenst um an der Freien Universität, das Gespenst des Kommunismus. Doch endlich sind die Schreckensjahre vorüber, denn durch die Gründung der ›Campus Alternative Berlin‹ zieht endlich wieder die Vernunft in unsere Hallen ein. Deshalb, Mut zum eigenen Verstand!«

Das lässt tief in das Weltbild der JA-Hochschulgruppe blicken. In typisch neurechter Manier werden die Umbrüche rund um das Jahr 1968 als fatale gesellschaftliche Fehlentwicklung und als der Beginn der linken Hegemonie in Wissenschaft und Kultur gedeutet. Es folgten 50 »Schreckensjahre« »linker Gesinnungsdiktatur« und der »Tyrannei von Postmodernisten«. Die »Campus Alternative« dagegen sieht sich in der Tradition der gefährdet geglaubten Aufklärung. Es gelte die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Forschung gegen »Denkverbote« und eine Ideologisierung von links zu verteidigen. Gegen eine feindlich gesinnte Übermacht schickt sich die »Campus Alternative« an, diese Auseinandersetzung nun in der Universität, gleichsam in der Höhle des Löwen, auszutragen.

Wie es die JA-Hochschulgruppe jedoch tatsächlich mit der Wissenschaftlichkeit hält, steht auf einem anderen Blatt. Die Gender Studies, ein weltweit etabliertes Forschungsfeld, werden summarisch als »linke Traumwelt« abgetan und David Eckert, Initiator der »Campus Alternative« Berlin, kommentiert öffentlich einen Bericht über die Hitzewelle im vergangenen Sommer mit den Worten »Urlaub endlich auch in Deutschland möglich. I love Klimawandel – gebt mir mehr!«. Relativierungen des menschengemachten Klimawandels, die Diffamierung ganzer Fachbereiche und Fantasien von einer angeblichen Schreckensherrschaft der Linken in den Universitäten zeugen von einem verschwörungstheoretischen Denken, dessen Berufung auf Immanuel Kant und die »Vernunft« ausgesprochen schief wirkt.

Zudem fiel die Gruppe um Yannic Wendt in den Monaten seit ihrer Gründung im November 2018 durch den Diebstahl von Transparenten studentischer Cafés, dem Stören universitärer Veranstaltungen und dem Entfernen missliebiger Plakate auf. Ob das die Mittel der Wahl einer Hochschulgruppe sein sollten, die ihrem eigenen Selbstverständnis nach für mehr »Demokratie« an der Universität und für die Rückkehr einer »vernünftige[n] Hochschulpolitik« einsteht, ist fraglich.

Deutlich rechts der AfD

Letztlich kann die »Campus Alternative« nur schlecht verbergen, wessen Geistes Kind sie ist. Die personellen Überschneidungen mit der »Jungen Alternative«, Yannic Wendt ist mittlerweile auch Schatzmeister der JA Berlin, erlauben Zweifel an der Selbstdarstellung der »Campus Alternative« als lediglich »konservativer« Hochschulgruppe. Die Junge Alternative steht deutlich rechts ihrer Mutterpartei, der AfD, und unlängst haben neue Recherchen ergeben, dass nicht zuletzt die Berliner JA nach wie vor zahlreiche Querverbindungen zu rechtsnationalistischen Burschenschaften sowie zur rechtsextremen Identitären Bewegung aufweist. Inhaltlich hat sich die »Campus Alternative« von keiner dieser Organisationen distanziert.

Der FU-AStA-Referent Fabian B., der seit ihrer Gründung die »Campus Alternative« beobachtet, glaubt daher auch, dass diese ein doppeltes Spiel spielt: »Vordergründig bedient sie sich einer klassisch liberalen Rhetorik und gibt vor, für Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit einzustehen. Dahinter steckt aber eigentlich ein autoritäres und reaktionäres Weltbild, in dem für abweichende Meinungen kein Platz ist. Letztlich ist das antidemokratisch und wissenschaftsfeindlich.« Die größere Gefahr für die studentische Selbstverwaltung in Berlin sei bisher allerdings die AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus und nicht die ihr nahestehende Hochschulgruppe gewesen. Der AfD-Abgeordnete Martin Trefzer hatte im Januar 2018 in einer Anfrage an den Senat die Namen aller AStA-Referent*innen der großen Berliner Universitäten der letzten zehn Jahre sowie weitere Details und persönliche Daten aus diesem Zeitraum erfragt, was vielfach als Einschüchterungsversuch gegenüber linkspolitisch aktiven Studierenden gewertet wurde.

»Dagegen existiert die ›Campus Alternative‹ hauptsächlich im Internet und könnte ohne die Unterstützung der ›Jungen Alternative‹ Aktionen, wie das Stören von Veranstaltungen an der Uni, gar nicht durchführen«, so Fabian B. Es sei nicht zu befürchten, dass es der »Campus Alternative« gelingen könnte, eine relevante Anzahl Studierender von ihren Ideen zu überzeugen. Im Gegenteil sei ihr Auftreten sogar für viele Hochschulangehörige der Anlass gewesen, sich verstärkt mit Antifaschismus auseinanderzusetzen.

Eine Anfrage an die »Campus Alternative« über ihre Gruppenstärke, Art der Organisation und zukünftigen Pläne blieb unbeantwortet. Einiges deutet jedoch darauf hin, dass die Gruppe aus nicht mehr als zwei oder drei Personen besteht. Eindeutig identifiziert ist nur ihr Vorsitzender Yannic Wendt. Gut möglich, dass die bisherigen Selbstzeugnisse der »Campus Alternative« allesamt aus seiner Feder stammen. Und so ist zumindest ein Teil seiner Interpretation der Situation richtig: Die Übermacht derjenigen Studierenden, die einem rechtem Weltbild ablehnend gegenüberstehen, ist erdrückend. Ob es dagegen dem ehemaligen Vorzeige-Neuköllner Wendt und seinen etwaigen Mitstreiter*innen gelingen kann, daran etwas zu ändern, ist zu bezweifeln.

Zurück