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bbz 05 / 2019Eine »Reise« nach Deutschland

Hamodis Erlebnisse erzeugen Stille im Klassenzimmer. Sein Vortrag gibt Hoffnung auf ein neues Leben

01.05.2019 - Kerstin Horst

Heute in der Schule. Die Sprachlernklasse bereitet sich auf die mündliche Prüfung vor. Hamodi* ist an der Reihe und präsentiert sein Poster. Sein Thema: »Meine Reise nach Deutschland«. Schnell stellt sich heraus, dass das mit der »Reise« ein ziemlicher Euphemismus ist und meine Anweisung, die Zuhörenden beim Reden anzulächeln, schon nach wenigen Sätzen nicht mehr zu seinem Vortrag passt.

Türkei 2018. Hamodi berichtet seelenruhig vom Kentern seines mit 300 Personen völlig überladenen Bootes, einer »Yacht«, wie er es nennt. Er schildert in gut sortiertem Deutsch, wie er Ende Oktober mit seiner Schwimmweste drei Stunden im kalten Salzwasser ausharrt, bis endlich Rettung eintrifft. Wie die hohen Wellen die Mitglieder seiner Familie immer weiter auseinandertreiben, bis sie schließlich Blick- und Rufkontakt verlieren. Wie das zerborstene Holz ihres Schiffes die im Wasser schwimmenden Leichen durchbohrt und sich ihr Blut ins Meer ergießt. Albtraum. Irgendwann beendet er seinen Vortrag mit einem stolzen Lächeln und erklärt, dass sie die Überfahrt »nicht einmal bezahlen« mussten, weil sein Vater im Vorfeld ausgehandelt hatte, dass der Schlepper nur im Falle einer gelungenen und auch sicheren Reise sein Geld erhalten würde.

»Habt ihr noch Fragen?« Ich sitze da, beobachte die Anteilnahme seiner Mitschüler*innen und auch meine eigene. Hamodi sieht mich erwartungsvoll an. Ich soll ihm nun Rückmeldung zu Grammatik und Wortschatz geben. Irgendwie muss ich jetzt seinen Vortrag bewerten. Nur gut, dass wir uns im Vorfeld auf verbindliche Kriterien geeinigt haben. Einen Satz schiebt er nach kurzer Stille im Klassenzimmer noch hinterher: »Ich habe dieses Thema gewählt, damit die Deutschen wissen, warum wir hier sind. Entweder sterben wir im Krieg oder auf dem Meer. Oder wir versuchen, uns eine neue Zukunft aufzubauen. Aber wir haben keine andere Entscheidung.« Wie geht man mit so einer Situation um? In der Regel haben die Schüler*innen einen unbefangeneren Zugang zu diesen Themen als man selbst. Hier geht es um erlebte Realität, nicht um abstrakte Unterrichtsinhalte. Und wenn ich auch manchmal mit den vielfältigen Aufgaben in meinem Job hadere, so bin ich in diesen Momenten doch unendlich dankbar für die Erfahrungen und das Wissen, das meine Schüler*innen mit mir teilen und das ich in keinem Lehrbuch der Welt anschaulicher hätte nachlesen können. Alle Mitglieder aus Hamodis Familie haben überlebt und nutzen in Berlin ihre Chance auf ein neues Leben.

* Name geändert.

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