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bbz 10 / 2015Die GEW muss sich positionieren

Sebastian Schädler ist Professor für Medienpädagogik an der Evangelischen Hochschule Berlin. An drei Spandauer Grundschulen begleitet er den Einsatz von Tablets im Unterricht. Ein Engagement, das er gerne ausweiten würde. Auch in der GEW BERLIN möchte Schädler das Thema Medienbildung endlich auf die Tagesordnung bringen. Warum, erklärt er im Interview.

01.10.2015 - Das Interview für die bbz führten Markus Hanisch und Caroline Muñoz del Rio

bbz: Sebastian, du hast ein Projekt zur Medienbildung in Spandau ins Leben gerufen. An drei Grundschulen in sozialen Brennpunkten arbeiten die Kinder mit Tablets im Unterricht. Lernen Kinder denn besser mit Tablets?

Sebastian Schädler: Nein, sie lernen nicht besser. Sie lernen anders. Die SchülerInnen könnten alles auch ohne Tablets lernen. Sie könnten aber auch alles ohne Tafel lernen. Wir könnten vieles weglassen. Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um Vielfalt als eines der didaktischen Konzepte. Das Stichwort lautet Heterogenität. Kinder sind heterogen und sie lernen auf heterogenen Wegen. Die einen können besser malen, die anderen besser schreiben und wiederum andere besser mit Technik umgehen. Da ist es sinnvoll in einer Medien-Umwelt, wie wir sie heute haben, als einen der Lernwege auch technische, digitale Medien anzubieten. Die SchülerInnen sollen gleichberechtigt zu Tafel, Schere, Kleber, Stift und Matschepampe Tablets zum Arbeiten nehmen. Das ist die Grundidee.

bbz: Also kein Computerkurs?

Schädler: Nein, kein Computerkurs. Es ist mir grundsätzlich wichtig, dass wir Medienbildung als Teil einer umfassenden Bildung sehen. Die schon genutzten Medien sollen um ein weiteres ergänzt werden. Es geht nicht um Kompetenzen in der Bedienung technischer Geräte, es geht um so etwas wie »Medienwechselkompetenz«, also eine im Kern didaktische Perspektive. Ein Beispiel: Wir haben ein Projekt zum Thema Verkehrssicherheit. Die Kinder malen ihren Schulweg und die Verkehrsschilder dazu. Dann gehen sie raus und machen Fotos davon und hinterher wird das zu einer Collage auf einem Stadtplan, wo dann mit Bindfäden Verbindungen (»links«) zwischen den Tablets und den Fotos gelegt werden. Auf den Tablets sind außerdem Geräusche von den Stellen, an denen es gefährlich ist.

bbz: Und warum Tablets? Was ist der Vorteil des »Lernwegs Tablet« für die Schule?

Schädler: Der Vorteil liegt tatsächlich in der Dezentralität. Tablets sind dezentral, mobil und kollaborativ. Das heißt, man kann sehr gut kleine Arbeitsgruppen bilden, die Kinder mit dem Tablet zum Arbeiten losschicken. Projektorientierter Unterricht wird sehr einfach dadurch. Ein anderer entscheidender Punkt ist, dass Tablets Zugang zu Wissensspeichern bieten. Ich sage nur Wikipedia. Wir haben wahnsinnig viele Wissensspeicher, die sehr mobil und dauernd zugängig sind. Warum sollten wir sie nicht für den Unterricht ausschöpfen, warum nicht den Kindern zur Verfügung stellen? Früher musste man viel auswendig lernen. Heute ist es eine moderne Kulturtechnik, dass Kinder lernen müssen, in diesen Wissensspeichern zu recherchieren. Und das lernen sie nicht über die Tafel und auch nicht an einem Whiteboard, wenn sie zuschauen, was die Lehrerin ihnen vormacht. Sie lernen das nur, wenn sie es selbst ausprobieren. Und das geht nur mit mobilen Endgeräten, das kann kein anderes Medium.

bbz: Nutzen Kinder und Jugendliche heutzutage nicht viel eher Smartphones?

Schädler: Ja. Manche Projekte wollen auch gleich mit den Smartphones starten. Das führt momentan aber noch zu wahnsinnigen technischen Problemen. Schwierig zum Beispiel ist die Frage, was die SchülerInnen für Spiele auf ihren Geräten haben. Die Tablets sind im Moment die richtige Übergangsform. Man kann sich das auch bildlich vorstellen: Die Lehrkräfte sind gut an der Tafel und die SchülerInnen sind gut an ihren Smartphones – das Tablet ist sowohl vom Format als auch von der Größe genau in der Mitte, dort, wo sich beide treffen können. Das ist vielleicht auch auf Augenhöhe. Vielleicht müssen beide in die Hocke gehen und gemeinsam drauf gucken. Niemand bleibt stehen, beide müssen sich bewegen und dann trifft man sich.

bbz: Stichwort Augenhöhe: Viele Lehrkräfte kennen sich mit den neuen Technologien doch selbst gar nicht genug aus, um den SchülerInnen da Wesentliches vermitteln zu können.

Schädler: Ich glaube, viele Lehrkräfte machen heute schon genau das, worum es hier geht, nämlich den Materialmix. Sie mixen Medien. Sie machen ihre Kopiervorlagen selbst, sie machen Ausflüge in Museen, sie unterhalten sich mit anderen KollegInnen. Sie müssen eigentlich »nur« lernen, weitere Quellen als Mix-Material hinzuzunehmen und zum Beispiel auch ins Internet gehen. Wenn sie sich dem allerdings komplett versperren, dann ist das ein Problem. Es erschwert es, die Eltern und SchülerInnen von heute überhaupt verstehen zu können.

bbz: Viele KollegInnen haben vielleicht Angst, dass sie die Kontrolle verlieren, wenn sie mit Medien arbeiten, bei denen sie das Gefühl haben, die Schülerinnen und Schüler beherrschen diese besser als sie selbst. Kannst du ihnen diese Angst nehmen?

Schädler: Diese Angst vor Kontrollverlust ist ein ganz großes Problem und das muss man auch ernst nehmen. Ich denke aber, wenn eine Lehrkraft didaktisch offen ist, lässt sie auch Dinge zu, die sie selbst nicht beherrscht. Man sollte die SchülerInnen einbinden und offen zu ihnen sagen, »zeig mir das mal, du bist da schon so gut«. Im Musikunterricht lässt man SchülerInnen ja auch ihr Musikinstrument vorspielen, wenn die das besonders gut können. Ohnehin ist das Berufsbild der Lehrkraft momentan völlig überfrachtet mit tausend Sachen, die die Lehrkräfte können müssen. Und jetzt sollen sie auch noch MedientechnikerInnen und MedienpädagogInnen sein. Das ist Quatsch! Lehrkräfte müssen lernen, sich auf Veränderungsprozesse einzulassen, Menschen dazu zu holen, die begleiten und unterstützen. Lehrkräfte sind ja an anderer Stelle sehr offen. An der Schule arbeiten bereits SchulpsychologInnen, SozialarbeiterInnen, ErzieherInnen. Und die LehrerInnen finden das gut, schließlich werden sie entlastet. Es muss sicher auch medienpädagogisch geschulte Personen an den Schulen geben.

bbz: In deinem Spandauer Projekt schickst du externe MedienpädagogInnen an die Schulen.

Schädler: Genau. Die Schule fragt das Kollegium und interessierte Lehrkräfte melden sich. Lehrerin und Medienpädagoge setzen sich gemeinsam hin und planen ein Projekt zu einem beliebigen Thema des Lehrplans, das über drei bis zehn Wochen geht. In diesem Zeitraum sind Lehrerin und Medienpädagoge als Doppelteam in der Klasse.

bbz: Im Regelfall stehen solche externen Fachleute und auch zusätzliches Geld jedoch nicht zur Verfügung. Medienbildung scheitert dann oft schon an den technischen Möglichkeiten vor Ort. Der Internetanschluss funktioniert nicht, die Geräte sind fehlerhaft und dann musst du als Lehrkraft dafür gerade stehen, dass die SchülerInnen im Internet keinen Unsinn machen.

Schädler: 90 Prozent von dem, was mir wichtig ist an der Arbeit mit Tablets an der Grundschule, funktioniert auch ohne Internet. Du kannst Fotos und Töne aufnehmen, Bilder malen und integrieren, Comics produzieren. Dafür brauchst du nur die Tablets. Viele der Vorurteile kommen noch aus dem Computer-Zeitalter, die Tablets von heute sind wartungsmäßig viel einfacher als die Computer.

bbz: Und die Kosten?

Schädler: In dem Projekt, das ich betreue, wurden die Tablets an einer Schule von einer sozial engagierten kleinen Stiftung finanziert, an den anderen beiden wurden Mittel aus dem Bonusprogramm genommen. Die Kosten liegen bei ungefähr 6.000 Euro plus 1.000 Euro für ein wenig Infrastruktur. Dazu kommt dann das Honorar für die MedienpädagogInnen. Die Schulen sollten die Geräte selbst anschaffen, wenn sie das wollen. Wenn das Land das für alle organisieren soll, wird das wieder nichts. Und es ist nicht so, dass so ein Projekt die ganzen Schulersparnisse auffrisst. Es ist eine überschaubare Summe und es ist eine sinnvolle Investition. Wir arbeiten an der einen Schule zum Teil noch mit den allerersten iPads, die noch auf Privatinitiative angeschafft wurden.

bbz: Also ist die Senatsbildungsverwaltung aus dem Schneider?

Schädler: Die Infrastruktur sollte grundsätzlich vom Land finanziert werden: also der Server, die Betreuung, die Technik und das Internet. Wenn zu unserem Projekt in Spandau beispielsweise noch zwei Schulen dazukämen, würde es Sinn machen, an einer dieser Schulen eine Lehrkraft mit zwei bis vier Stunden freizustellen, die dann Medienbeauftragte für die fünf Schulen wäre. Aber natürlich muss das Land das auch wollen. Im Moment haben wir an einer Schule einen Lehrer, der ist privat engagiert, der macht das in seiner Freizeit. Das ist natürlich ein Unding, das kann nicht das Modell sein.

bbz: Wie ist es aus deiner Sicht denn um den Willen des Senats bestellt? Der neue Rahmenlehrplan verheißt bei der Medienbildung ja einen Schritt nach vorn.

Schädler: Medienkompetenz wird im Rahmenlehrplan nicht länger irgendwo versteckt, sondern fast gleichgewichtig mit der Sprachentwicklung und anderen Basiskompetenzen als gesellschaftliche Partizipationstechnik formuliert. So wie mit Sprache und Schrift müssen Kinder und Jugendliche eben auch mit Medien umgehen lernen. Medienkompetenz wird jetzt als kulturelle Technik und nicht als technische Qualifikation verstanden. Das ist ein Quantensprung. Da warten viele Menschen, die sich wie ich mit dem Thema beschäftigen, schon seit zehn Jahren darauf. Jetzt ist natürlich die Frage, wie das unterfüttert wird. Im Moment sehen es die Lehrkräfte ja hauptsächlich als Überforderung. Die Senatsverwaltung muss das richtig anschieben und nicht einfach nur in den Rahmenlehrplan reinschreiben. Wobei es gut ist, dass es endlich drin steht. Dies ist weitestgehend Konsens unter ErziehungswissenschaftlerInnen und MedienpädagogInnen.

bbz: Etwas anders sehen das die NeurobiologInnen wie Manfred Spitzer. Sie argumentieren vehement gegen den Bildschirmkonsum von Kindern und den Einsatz neuer Medien in der Schule. Wie stehst du zu derartiger Kritik?

Schädler: Man muss die Kritik natürlich ernst nehmen. Das Problem der vorliegenden Studien ist allerdings, dass sie meist das Medium Fernsehen gleichsetzen mit anderen Medien, denn Fernsehen kann man am besten messen. Aber Fernsehen ist nicht das Gleiche wie ein Smartphone. Die modernen Medien sind interaktiv, das war das Fernsehen nicht und dies ist ein konzeptioneller Unterschied, der in diesen Studien nicht auftaucht. Da wird ein Flachbildschirm gleich Flachbildschirm gedeutet und behauptet, alles Visuelle sei nicht multisensual. Aber Tablets sind sehr wohl multisensual einzubinden. In unserem Grundschulprojekt in Klasse 3 beschäftigen wir uns zum Beispiel mit dem Igel, ganz normales Lehrcurriculum: Die Kinder gehen raus in den Wald, um Geräusche aufzunehmen. Sie sehen, hören und riechen dabei. Das Tablet ist nicht monosensual. Das ist mein Hauptargument. Diese Studien treffen nicht das, worum es bei Tablets im Schulunterricht geht. Sie schießen am Ziel vorbei.

bbz: Du argumentierst sogar, dass der Einsatz neuer Medien beim Umgang mit der steigenden Heterogenität im Klassenzimmer hilfreich ist.

Schädler: Es geht darum, den Kindern einen Kommunikationskanal in die Schule zu eröffnen, den sie beherrschen, so dass sie sich auch ernst genommen fühlen. Und dann passiert Folgendes, was wir auch in Spandau gerade wieder erleben: Die SchülerInnen arbeiten fünf Wochen lang mit ihren Tablets, machen ein Multimediafilmprojekt und die Lehrkräfte sagen: »Ich habe noch nie gesehen, dass das Kind so lange konzentriert an einem Projekt ge-arbeitet hat.« Auch bei der Inklusion von SchülerInnen mit körperlichen Behinderungen ist der Einsatz neuer Medien extrem hilfreich. Menschen, die beispielsweise im Rollstuhl sitzen oder eine Sehbehinderung haben, nutzen alle Smartphones, Apps, Internet. Die sind ExpertInnen darin, denn sie brauchen diese Technologien. Überspitzt gesagt ist für bestimmte Behinderungen ein funktionierendes W-LAN wichtiger als ein Aufzug. Und es ist eine riesige Chance, sie in Bildungsprozesse als ExpertInnen einzubinden.

bbz: Hersteller wie Apple, Samsung und andere drängen auf den Einsatz ihrer Geräte im Unterricht, um die Kinder und Jugendlichen früh als Zielgruppe anzusprechen. Wie geht man damit um?

Schädler: Genau deshalb ist es mir so wichtig, dass die PädagogInnen dieses Thema endlich den TechnikerInnen, den NeurobiologInnen und diesen ganzen anderen ExpertInnen wieder aus der Hand nehmen. Wenn die LehrerInnen nicht darüber reden, machen es die anderen: die Firmen, die TechnikerInnen, die Nicht-DidaktikerInnen. Das ist schlecht.

bbz: Du möchtest gerne, dass die GEW sich mit dem Thema auseinandersetzt. Warum?

Schädler: Eine Bildungsgewerkschaft muss kompetent sein in Bildungsfragen, und hier gehört die Medienbildung dazu. Die GEW muss sich mit Themen und Diskussionen beschäftigen, die aktuell sind und ich denke, sie hat, wie viele andere PädagogInnen auch, dieses Feld in den letzten Jahren den TechnikerInnen und den NeurobiologInnen überlassen. Dabei sind wir die ExpertInnen, die wissen wie Didak-tik funktioniert.

bbz: Mit einer »AG Medienbildung« in der GEW BERLIN willst du das Heft jetzt selber in die Hand nehmen. Was soll in der AG genau passieren?

Schädler: Zunächst einmal geht es mir um einen inhaltlichen Austausch innerhalb der GEW. Ein Austausch von Menschen, die sich mit Inklusion, Schulpsychologie, Didaktik beschäftigen. Und ich denke, der neue Rahmenlernplan bietet einen konkreten Anlass: Wir müssen uns relativ schnell hinsetzen und Kontakte dorthin aufnehmen, wo dieser Rahmenlehrplan jetzt umgesetzt werden soll. Wir sollten deutlich machen, dass wir da mitreden wollen. Wir wissen vielleicht auch noch nicht so viel, aber wir wissen sicher eine Nasenlänge mehr als die Senatsbildungsverwaltung. Ich stelle mir eine konzentrierte Ansprechplattform innerhalb der GEW vor. Die GEW muss sich positionieren. Wenn sie das nicht macht, verschläft sie eine wichtige Sache.

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