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bbz 12 / 2018Die Belastung ist ein großes Thema

Auch an Berufsschulen ist der Lehrkräftemangel riesig. Wie die Oberstufenzentren damit umgehen, erklärt Schulleiter Ronald Rahmig im Interview

01.12.2018 - Interview: Niels Spilker

An beruflichen Schulen in Berlin werden bis 2030 knapp 1.500 zusätzliche Lehrer*innen gebraucht. Dies hat eine aktuelle Prognose der GEW zur Zahl der Schüler*innen und dem daraus resultierenden Lehrkräftebedarf ergeben. Eine erheblich höhere Zahl als bislang vorausgesagt. Wie sieht die Situation vor Ort aus?

 

Damit wir uns die Rahmenbedingungen, unter denen ihr arbeitet, besser vorstellen können, würde ich zunächst gerne einmal wissen: Was macht das Oberstufenzentrum Kraftfahrzeugtechnik aus?
Rahmig: Wir sind die größte berufliche Schule für Kraftfahrzeugtechnik in Deutschland. Das hängt mit der Berliner Situation zusammen, die beruflichen Schulen sind hier nach Sparten sortiert. In den Flächenländern sind Berufsschulen ja eher Gemischtwarenläden. In Berlin gibt es das System der Oberstufenzentren mit den drei Bereichen Ausbildungsqualifizierung, Studienqualifizierung und Berufsausbildung, also duales System. Auf diesen drei Säulen stehen die Oberstufenzentren.

Welche Schüler*innen besuchen eure Schule?
Rahmig: Wir haben fast keine Schülerinnen, nur fünf Prozent, weil die Betriebe im Kraftfahrzeuggewerbe leider wenige Frauen einstellen. Und die große Herausforderung in der beruflichen Bildung ist die starke Heterogenität in den Klassen. Die Schüler*innen kommen teilweise ohne Schulabschluss teilweise mit Abitur zu uns. Und dann sitzen sie in der gleichen Klasse, weil sie den gleichen Beruf lernen und die gleiche Prüfung ablegen müssen. Es gibt keine andere Schulform, die das so extrem hat wie wir. In der Allgemeinbildung geht der Trend ja eher zu einer Homogenisierung der Lerngruppen. Ich glaube aber, dass heterogene Gruppen für den Lernprozess und das soziale Miteinander effektiver und besser sind. Und zwar für alle Beteiligten, auch für die lern- oder theoriestärkeren Schüler*innen.

Der Lehrkräftemangel ist aktuell ein großes Thema. Bei euch vor Ort auch?
Rahmig: An den technischen Schulen, insbesondere Metalltechnik und Elektrotechnik, ist ein Lehrfachkräftemangel nicht neu, sondern eigentlich dauerhaft. Wir ha-ben deshalb schon immer sogenannte Quereinsteiger*innen eingestellt. Im Augenblick habe ich einen Anteil von über 25 Prozent. Das hat sich in letzter Zeit noch ein bisschen verschärft. Bei der letzten Einstellungsrunde habe ich fünf Stellen besetzen können, da hatte ich nur Quereinsteiger*innen im Angebot. Das ist per se nicht schlimm, denn sie haben meis-tens ein sehr hohes Arbeitsethos und sind fachlich auf dem Stand. Den Rest kann man dann lernen. Aber beim Quereinstieg fehlt die sozialpädagogisch-erzieherische Ausbildung. Das Kollegium muss sie also in den Arbeitsalltag eingleisen, was aufwendig ist. Eine zusätzliche Belastung, ganz klar.

Wie kann ich mir die Einarbeitung vorstellen?
Rahmig: Hier an der Schule arbeiten wir in Teams. Die Teams bekommen jeweils ein oder zwei Quereinsteiger*innen zugewiesen, die sie einarbeiten müssen. Und wir machen innerhalb der Schule selbst im nächsten Schuljahr zum ersten Mal einen intensiven Begleitkurs. Wie sind hier die Strukturen? Wen kann ich bei Unterrichtsstörungen ansprechen? Was ist eine Klassenkonferenz? So Sachen. Zusätzlich bietet die Verwaltung Crashkurse an, die an-gekoppelt sind an die Lehrkräftebildungsseminare. Die müssen besucht werden. Das ist natürlich wie immer zu wenig, es könnte mehr sein, aber es ist schon mal ein Ansatz.

Nicht die einzige belastende Aufgabe, die die Kolleg*innen zusätzlich zum Unterricht erfüllen müssen, oder?
Rahmig: Die Belastung ist ein großes Thema. Also das Unterrichtsdeputat von 26 Stunden ist einfach zu hoch, war es schon immer. Die Gesamtbelastung der Lehrkräfte muss reduziert werden, es ist einfach zu viel. Für die Schule, und zwar von der Grundschule bis hin zur beruflichen Schule, sind ja extrem viele Aufgaben dazugekommen, die früher von Familien und anderen sozialen Strukturen erfüllt wurden. Das ist in der Bildungspolitik noch nicht angekommen.

Kannst du Beispiele nenne?
Rahmig: Wenn ich das höre aus der Grundschule, dass Schüler*innen nicht schwimmen können oder sich keine Schuhe zubinden können. Das sind alles Kulturtechniken, ohne die kann man zwar überleben im Zeitalter der Klettverschlüsse. Aber es sind Beispiele, dass bestimmte Sachen wegfallen. Oder reduzierte Sprach-kompetenz, auch ein ganz großes Thema. Und irgendeine*r muss sich darum kümmern, sonst pflanzt sich das fort. Und das dem freien Markt zu überlassen, würde Teile der Gesellschaft abhängen. Die Schule ist also die einzige Institution, die in dem Bereich unterwegs ist, sie ist dafür aber momentan nicht aufgestellt. Deshalb brauche ich Erzieher*innen, sozialpädagogische Fachkräfte oder sonstige Strukturen. Da muss ein überproportional hoher Aufwuchs erfolgen.

Wie betreut ihr denn momentan Schüler*innen mit besonderem Förderbedarf?
Rahmig: Die Special Needs, ja. Also die Verwaltung hat den eigentlichen Plan, Inklusion voranzutreiben, gestoppt. Sie haben festgestellt, dass sie es nicht finanzieren können – damit ist eigentlich schon alles gesagt. Wir versuchen uns hier natürlich trotzdem in Richtung Inklusion zu bewegen. Also erst mal müssen wir den Förderbedarf identifizieren. Das ist nicht trivial, weil es nicht zur Grundausbildung von Lehrkräften gehört. Wir haben Sozialpädagog*innen, leider nur eine halbe Stelle, die wir hier schulisch noch einmal ein bisschen aufstocken konnten. Teilweise können wir auf Angebote von externen Trägern zurückgreifen. Und wir haben die Lehrkräfte sensibilisiert und qualifiziert.

Was bedeutet das, Lehrkräfte sensibilisieren und qualifizieren?
Rahmig: Ich habe zum Beispiel zwei Leute als Multiplikator*innen in speziellen Schulungen. Inklusion zielt bei uns weniger auf Körperbehinderte ab, es geht bei uns vor allem um Förderbedarfe im emotional-sozialen Bereich und Lese-Rechtschreib-Schwäche, zum Teil auch kombiniert generell mit Spracherwerb. Wir nehmen uns jetzt systematisch die Prüfungen und die Unterrichtsmaterialien vor, unter dem Stichwort einfache Sprache. Insgesamt wäre mehr sozialpädagogisch geschultes Unterstützungspersonal wichtig. Dass wir dann gemischte Teams hätten aus einerseits Lehrkraft und andererseits sozialpädagogischer Fachkraft, die nochmal anders aufgestellt ist.

Wenn man sich den Lehrkräftemangel in Berlin anschaut, ist diese Situation hausgemacht?
Rahmig: Nein, weil der Lehrkräftemangel, also zum Beispiel in meinem Fach Kfz-Technik, ein bundesweites Problem ist. Vor sieben, acht Jahren waren einfach die Ausbildungszahlen bei Lehrkräften zu gering. Auch in Berlin sind die Hochschulverträge nicht so gewesen, wie sie hätten sein sollen. Es wurden über eine lange Zeit zu wenige Studienplätze für Lehrkräfte festgeschrieben. Da sind also schon Fehler begangen worden, aber eben bundesweit. Das kann man jetzt nicht hier auf die Berliner Bildungspolitik alleine schieben.

Berlin überlegt ja, in Zukunft Ein-Fach-Lehr-kräfte zuzulassen. Was hältst du davon?
Rahmig: Hier wird von vornherein auf einen Teil der Qualifizierung verzichtet, das geht in die falsche Richtung. Eine Art Lehrkraft zweiter Klasse einzuführen, bei der ich jetzt schon weiß, dass in der Praxis diese Differenzierungen in den Aufgaben gar nicht durchgehalten werden kann, das geht nicht. Wir hatten ja in der Vergangenheit in Berlin Lehrkräfte, die unterschiedlich qualifiziert waren und unterschiedlich bezahlt wurden. In der Praxis haben sie meistens die gleiche Arbeit gemacht. Das ist nicht in Ordnung.

Es ist also definitiv nicht einfach angesichts der Personalausstattung, ich erlebe dich insgesamt aber als relativ entspannt. Oder täuscht das?
Rahmig: Naja, ich sehe in der Entwicklung schon eine gewisse Dramatik. Aber es nützt nichts, wenn ich jetzt hier heule und mit den Zähnen klappere. Natürlich könnte das alles besser sein und natürlich fordere ich auch mehr. Aber letztendlich ist meine Aufgabe, auch mit dem, was da ist, Schule zu machen. Ich muss mir überlegen, was man tun kann. Die Schule als Institution muss innerhalb der Gesellschaft noch mal anders aufgestellt werden. Lehrkräfte auch. Dazu gehört zum Beispiel, dass Lehrkräfte auch die Breite der Gesellschaft abbilden. Ich habe ungefähr ein Drittel Schüler*innen mit Migrationshintergrund. Bei den Lehrkräften ist der Anteil aber weit unterproportional, da habe ich jetzt drei, vier Neue eingestellt. Das sind so Fragen, wo eine Umsteuerung nötig ist.


Ronald Rahmig ist Direktor des Oberstufenzentrums Kraftfahrzeugtechnik und Mitglied im Vorstand der Vereinigung Berliner Schulleiter*innen in der GEW BERLIN.


Dieses Interview erschien in ähnlicher Form erstmals im »DGB-Personalreport 2018, Beschäftigungsentwick-lung im öffentlichen Dienst«. Wir danken für die Genehmigung zum Zweitabdruck.


Die Studie der GEW kann unter www.gew.de/prognose-bb-schulen heruntergeladen werden.

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