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bbz 07-08 / 2018Bildung ist mehr als Schule

Um sozial benachteiligten Kindern Bildungschancen zu ermöglichen, arbeitet Familienhilfe auch mit Eltern und zeigt neue Perspektiven auf das Thema Bildung.

01.07.2018 - Marcus Laugsch

Chancengleichheit und Überwindung sozialer Benachteiligung sind heute zu einem großen Teil mit dem Thema Bildung verknüpft. Vergleichsstudien wie PISA und IGLU haben darauf aufmerksam gemacht. Die Institution Schule ist dadurch in den letzten Jahren verstärkt in den gesellschaftlichen Fokus geraten. Frühe Bildung in Kindertagesstätten und das Projekt Ganztagsschule sind Initiativen, mit denen Bildungsungleichheit bekämpft werden soll. Außerdem hat die Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe eine größere Bedeutung erhalten.

Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien werden durch die Selektion in der Schule benachteiligt. In meiner Arbeit als Familienhelfer muss ich vor allem mit den Eltern ergänzende Bildungsperspektiven erarbeiten, die auch außerhalb von Schule genutzt werden können, um die ungleichen Voraussetzungen zu kompensieren.

Für mich als Familienhelfer stellen sich die Fragen: was ist Bildung und was sind außerschulische Anlässe für Bildung? Mit diesen Fragen versuche ich, die vermeintlich bildungsfernen Eltern wieder für das Thema Bildung in Bezug auf ihre Kinder zu öffnen. Hinsichtlich der Einstellung zu Bildung kommt den Eltern eine große Verantwortung zu. Die meisten Eltern mit denen ich rede, sprechen mit einem negativen Bild über die eigene Schulbiografie. Die Gespräche zeigen, dass die Eltern eigene negative Schulerfahrungen auch auf die Schulbiografien ihrer Kinder übertragen. Bildung, durch Schule vermittelt, hat es hier schwer.

Positive Einstellung zu Bildung wecken

Was also ist nun Bildung und was sind deren Anlässe? Bildung im einfachsten Sinne ist Anregung, so dass das Kind seine Kräfte entfalten kann. Anlässe für Bildung, die in der Familie stattfinden können, sind vor allem Gespräche. Über das Miteinander-Reden lernt das Kind oder der Jugendliche zwischenmenschliche Kommunikation, die essentiell für das Leben und damit auch Chancengleichheit ist.

Weitere Anlässe sind gemeinsame Aktivitäten wie beispielsweise Ausflüge und Urlaube, das Entdecken von Büchern oder Filmen aber auch immer wieder stattfindende Rituale am Esstisch oder ähnliches. Wobei Rituale auch gemeinsam ausgehandelt und an die Lebenswelt angepasst werden können. Darüber können Eltern für ihre Kinder und Jugendlichen soziales Miteinander erfahrbar machen, welches neben der Kommunikation ebenso essentiell ist und auch zu Chancengleichheit beiträgt.

Freude am Lernen durch »Entschulung«

Zur Förderung von Chancengleichheit und der Überwindung sozialer Benachteiligung habe ich als Familienhelfer in Bezug auf die Arbeit mit vermeintlich bildungsfernen Familien unter anderem folgende Aufgaben: Es gilt zum Einen, die Bildung im Verständnis der Eltern zu »entschulen«, um dadurch negative Übertragungen der eigenen Schulerfahrung zu stoppen. Entschulen heißt, den Eltern zu zeigen, dass Bildung nicht allein das Ergebnis der Pflichtschule ist. Mein Anliegen ist es, dass Eltern selbst Anlässe finden, in denen sich das Kind beziehungsweise die Familie bilden kann. Hierzu müssen die Eltern offen sein für die Fragen, welche das Kind an die Welt hat. Denn das im positiven Sinn neugierige Kind stellt Fragen über Fragen, die beantwortet werden wollen. Ich versuche, die Eltern dahingehend zu öffnen, dass sie mit oder sogar von ihrem Kind lernen. Mitunter bringen schon Kinder aus dem Kindergarten Wissen mit, welches auch für die Eltern neu ist. Warum fliegen Zugvögel in V-Formation? Welche verschiedenen Pinguin-Arten gibt es? Und was ist das Besondere an ihnen?

Um ihr Kind zu bestärken, müssen die Eltern Interesse an deren Entdeckung der Welt zeigen. Auch Eltern, die sehr hohe Ansprüche an ihre Kinder haben, deren Kinder mitunter einen hohen Leistungsdruck verspüren, sollten Bildung mehr als Prozess wahrnehmen und nicht nur auf das Ergebnis in Form einer Benotung schauen.

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