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bbz 04 / 201939 Symptombekämpfungen

Die Maßnahmen von Bildungssenatorin Scheeres für mehr Schulqualität gehen am Ziel vorbei. Gute Schule geht nicht ohne bessere Rahmenbedingungen

01.04.2019 - Klaudia Kachelrieß

Kurz vor Beginn des neuen Schulhalbjahres verkündete Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am 23. Januar ein üppiges Maßnahmenpaket mit 39 Punkten zur Steigerung der Schulqualität. Das Papier geht allerdings in vieler Hinsicht an den aktuellen Problemen der Berliner Schulen vorbei. Das größte Manko: Die Rahmenbedingungen, allen voran die Arbeitsbedingungen der Pädagog*innen, werden kaum in den Blick genommen. Es fehlt zudem eine gründliche Analyse der Schwierigkeiten und der Belastungen, die zurzeit bestehen. So ist ein Potpourri aus oberflächlichen Maßnahmen entstanden: eine zusätzliche Deutschstunde in der Grundstufe, mehr Mathe in der Kita, mehr Vorbereitung für Quer- und Seiteneinsteiger*innen, verbindliche Schulverträge und so weiter.

Wir brauchen echte Maßnahmen

Das wird aber nicht reichen. Denn: Die Berliner Schulen sind geprägt von strukturellem Mangel. Es fehlen Fachkräfte und Räume. Es ist grundsätzlich wünschenswert, nicht nur über Quantität zu sprechen, sondern auch wieder über Qualität. Dabei darf aber die Grundsituation nicht außer Acht gelassen werden! Diese macht nämlich etwas mit allen Beteiligten. Die Schulen in Berlin zeichnen sich zunehmend als unattraktive Arbeitsplätze für Pädagog*innen aus. Die Anforderungen sind in den vergangenen Jahren permanent gestiegen, jedoch nahezu ohne Kompensation. Um die zahlreichen bildungspolitischen Reformen umsetzen zu können, muss an jeder Schule konzeptionell gearbeitet werden. Die Schulen sollen sich zu Ganztagsschulen wandeln, inklusiv arbeiten, Profile entwickeln, die Rahmenlehrpläne in schulinterne Pläne einarbeiten, Kooperationen organisieren, Budgets verwalten, Honorarverträge abschließen und Zahlungen tätigen, Daten IT-gestützt verarbeiten, und dies zum Teil ohne dass die grundlegende Ausstattung oder nötige Infrastruktur gegeben sind. Für all diese Entwicklungsvorhaben sind kaum bis keine zusätzlichen zeitlichen Ressourcen vorgesehen. Es soll alles einfach nebenbei stattfinden, neben dem fortschrittlichen, binnendifferenzierten, jahrgangsübergreifenden Fachunterricht und den anregenden Ganztagsangeboten auf höchstem Niveau, die natürlich auch erwartet werden.

Manche Stelle bleibt lange unbesetzt. Die hohe Belastung der Kolleg*innen führt zu hohem Krankenstand, der kaum ausgeglichen werden kann. Es kommt zu häufigen Fluktuationen. Verlässliche pädagogische Beziehungen und Arbeitsabläufe sind zum Teil schwer realisierbar. Es fehlen Räume, die die Bedürfnisse der Kinder über den ganzen Tag abdecken (Rückzugsräume, Ruheräume, Projekträume, Freiräume, Mensen). Wie soll so eine qualitätsvolle Umsetzung der progressiven Konzepte möglich sein? Wie können die Arbeitsbedingungen an den Berliner Schulen so gestaltet werden, dass die Pädagog*innen effektiv und mit Rücksicht auf ihre Gesundheit ihre Arbeit ausführen können, auch in Zeiten des Fachkräftemangels?

Auf diese Fragen sucht man in Scheeres’ Papier vergeblich nach Antworten. Da ist zwar die Rede von »Stärkung des pädagogischen Personals«. Tatsächlich werden aber nur wenige Maßnahmen beschrieben, die das pädagogische Personal tatsächlich unterstützen würden.

Eine Ansage an die Beschäftigten

Der Titel von Scheeres’ Papier »Schule zusammen weiterentwickeln« legt nahe, dass geeignete Maßnahmen in einem gemeinsamen Prozess entwickelt wurden oder werden sollen. Uns ist allerdings nicht bekannt, inwiefern Kolleg*innen aus der Praxis an der Erarbeitung beteiligt waren. Die Beschäftigtenvertretungen und die GEW BERLIN waren jedenfalls nicht eingebunden. Insofern wirkt der Maßnahmenkatalog wie eine Ansage an die Kolleg*innen, noch mehr zu tun bei fast unveränderten Bedingungen. Dabei haben schulpolitische Maßnahmen nur eine Aussicht auf Erfolg, wenn möglichst viele Pädagog*innen auf dem Weg mitgenommen werden. Sie sind tagtäglich trotz der hohen Belastung mit sehr viel Einsatz für die Schüler*innen da und streben natürlich gute Lernergebnisse an. Hier wäre es sehr viel besser gewesen, alle Beteiligten der Berliner Schule demokratisch zu beteiligen. Die Beschäftigten, die Schüler*innen und Eltern haben viele Ideen, was sich an den Rahmenbedingungen ändern ließe.

Ab nächstem Schuljahr soll es eine zusätzliche Deutschstunde in den Jahrgängen 1 bis 4 geben. Diese soll über angeblich freiwerdende Sprachfördermittel abgedeckt werden. Diese Ressourcen sind aber für die Sprachförderung von Schüler*innen in sogenannten Willkommensklassen oder additiv zum Regelunterricht gedacht. Anstelle der additiven Sprachförderung für die Schüler*innen mit Unterstützungsbedarf gibt es nun im Gießkannenprinzip mehr Deutschunterricht für alle, auch für jene Kinder, die im Sprachbereich stark sind. Wir wollen, dass die Sprachfördermittel für den ursprünglichen Zweck (auch nicht zur Vertretungsreserve) verwendet werden. Hinzu kommt, dass die Stunde zu Lasten der informellen Bildung aus dem Bereich der ergänzenden Betreuung und Erziehung (Ganztag) gehen wird. Darauf sind die Schulen überhaupt nicht vorbereitet. Die Schulen müssen ihre Rhythmisierungsmodelle verändern und den Personaleinsatz anders planen. Das Ganze ist auch nicht verbindlich geregelt. Veränderungen der Stundentafel müssen eigentlich in der Grundschul-Verordnung vorgenommen werden. Insofern ist völlig unklar, mit welcher Verlässlichkeit diese zusätzliche Deutschstunde auch in Zukunft zur Verfügung steht. Wird diese kurzfristige Maßnahme dann in zwei Jahren wieder zurückgenommen? Entscheidet darüber die Kassenlage?

Über Scheeres Ankündigungen zum Kita-Bereich wundern sich die Kita-Fachkräfte, sind doch Sprache und Mathematik als zwei der sieben Bildungsbereiche bereits seit Langem Teil des Berliner Bildungsprogramms für die Kitas. Für die qualitativ gute Umsetzung bedarf es aber auch hier einer stabilen Personalsituation. Der Personalmangel in den Kitas ist so massiv und die Kolleg*innen sind so überlastet, dass bereits die Umsetzung des aktuellen Bildungsprogramms gefährdet ist. Hierfür müssen konkrete Lösungen gefunden werden.

Lasche Aussagen zu Gesundheitsschutz, IT und Quereinstieg

In dem Papier gibt es keine konkreten Ideen für den Gesundheitsschutz der Beschäftigten. Von Seminaren zu Stressmanagement und Lärmschutz ist die Rede. Die Kolleg*innen in den Schulen brauchen weniger Seminare sondern tatsächliche Entlastung und Lärmschutzvorkehrungen an den Schulen! Wir fordern die Umsetzung von konkreten Maßnahmen zum Lärmschutz und zur Luftqualität, die Einrichtung von Ruheräumen und Arbeitsplätzen für die Beschäftigten an jeder Schule und ein Gesamtkonzept zu gesundheitsbewusstem Arbeiten. Bei Schulbaumaßnahmen ist die Information und Beteiligung der Schulgemeinschaft sicherzustellen. Es müssen gesundheitsverträgliche Übergangslösungen gefunden werden. Umbaumaßnahmen dürfen nicht zur zusätzlichen Belastung der Schüler*innen und der Beschäftigten führen.

Zusätzliches Personal für IT-Unterstützung und Verwaltungsleitung wird mittlerweile zwar eingestellt, aber flächendeckend für alle Schulen ist dies erst ab 2022 der Fall. Diese beiden Bereiche sollten auf Dauer zur grundlegenden Personalausstattung von Schulen gehören. Dies würde eine tatsächliche Verbesserung für IT und Verwaltung bedeuten.

Der Ausbau des QuerBer-Qualifizierungsprogramms für quereinsteigende Lehrkräfte ist sinnvoll, allerdings bleiben die Ankündigungen an dieser Stelle viel zu unkonkret. Wir fordern: Der Vorkurs zum Quereinstieg in die Schulen muss auf vier Wochen verlängert werden und die Anleitung durch erfahrene Lehrkräfte muss von 8 auf 12 Wochen erweitert werden. Die Ankündigung eines Konzeptes für die sogenannten »Seiteneinsteigenden« (Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung) ist grundsätzlich positiv. In dem Papier werden aber keine Details beschrieben und es bleiben viele Fragen offen, unter anderem nach Ermäßigungsstunden für die Qualifizierung. Der Quereinstieg in den sozialpädagogischen Bereich wird in dem Papier überhaupt nicht thematisiert, obwohl er die Schulen auch in hohem Maße betrifft. Unter dem Deckmantel der Förderung von multiprofessionellen Teams an den Ganztagsschulen werden die bestehenden Regelungen immer mehr aufgeweicht, um den Fachkräftemangel zu überbrücken.

Eines steht fest: Ohne die Verbesserungen der Rahmenbedingungen der Schulen und der Arbeitsbedingungen für die Berliner Pädagog*innen lässt sich die Qualität der Schulbildung nicht verbessern. Dies sind wichtige Stellschrauben, um qualifiziertes Personal zu halten und neue Fachkräfte zu gewinnen. Beides ist unverzichtbar, um langfristig qualitativ gute Bildungsangebote in den Berliner Schulen bereitzustellen. Um dies zu realisieren, braucht es JETZT eine gemeinsame Kraftanstrengung, bei der aber vor allem auch die Betroffenen eingebunden werden. Die Kinder und Jugendlichen, die aktuell in Berlin in der Schule sind, haben JETZT das Recht auf eine bestmögliche Bildung.

Weitere Forderungen sind in dem GEW-Papier »Gute Schule jetzt! Was nötig ist für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Steigerung der Schulqualität« zu finden. Das Maßnahmenpapier der Senatsverwaltung findet ihr hier.

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